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Gina Thomas (G.T.)

Englische Grundschulreform : Kinderleere

  • -Aktualisiert am

England plant eine Grundschulreform. Die herkömmliche Fächeraufteilung sollen der Vergangenheit angehören. Schüler sollen in sechs Lerngebieten gesellschaftliche Kompetenzen wie Computerfertigkeiten lernen. Kurzfristiger Nutzen wird groß-, eigenständiges Denken kleingeschrieben.

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          Ein britischer Grundschüler, der auf Wörter wie „Monarch“, „Kirchenschiff“, „Empire“, „Kloster“ oder „Heiliger“ stößt und vom „Oxford Junior Dictionary“ erfahren will, was sie bedeuten, wird in der jüngsten Ausgabe des Standardwörterbuchs vergeblich danach suchen. Auch für „Weihnachtslied“, „Knallbonbon“ und „Mistel“ fehlen Einträge. Märchengestalten wie Zwerge, Elfen und Kobolde kommen ebensowenig vor wie „Moos“, „Elster“, „Farn“ und eine Fülle von anderen Naturbezeichnungen. Dafür liefert der Band Erklärungen für „Blog“, „MP3Spieler“, „Breitband“, „chatroom“, „attachment“, „biologisch abbaubar“, „celebrity“, „Vandalismus“ und „Emotion“.

          Das sind freilich alles Begriffe, mit denen Kinder heute vertraut sein müssen, um sich in der computergesteuerten, starbesessenen, umweltbewussten und gefühlsbetonten Welt zurechtzufinden. Vineeta Gupta, Leiterin der Abteilung für Kinderwörterbücher bei der Oxford University Press, rechtfertigt die Veränderungen mit dem Hinweis auf die zunehmend städtische und multikulturelle Umgebung, in der wir leben. Unser Verständnis von Religion sei im Rahmen des Multikulturalismus zu sehen, weswegen Wörter wie „Pfingsten“ in dem jüngsten Band auch nicht mehr vorkämen. Stattdessen gibt es einen Eintrag für das Sikh-Fest Baisakhi. Das Weglassen von „Speck“ und „Schweinchen“ geht wohl aufs gleiche Vielvölkerkonto.

          Denken lernen wäre besser

          Die Entfernung der Flora und Fauna erklärt Vineeta Gupta damit, dass Kinder nicht mehr wie früher in einer halbländlichen Umwelt aufwüchsen. Umso mehr Grund, möchte man meinen, ihnen Wörter wie „Drossel“, „Star“, „Stachelschwein“ oder „Veilchen“ zu erklären. Die Kriterien der Herausgeber harmonieren auf bedrückende Weise mit den dieser Tage vorgetragenen Plänen für eine umfassende Reform der Grundschulausbildung. Demnach soll es keine Fächer mehr geben, sondern sechs „Lerngebiete“, auf denen die Lehrer „tiefgründigen gesellschaftlichen Anliegen“ unterrichtend nachgehen sollen: zum Beispiel Computerfertigkeiten, gesunder Nahrung und auch dem Sex. Geschichte, Geographie und Religion fallen unter „menschliches, soziales und umweltliches Verständnis“. Kindern wird nicht nur ein ganzes Bezugssystem entzogen, sondern auch das Rüstzeug für die Anwendung und Interpretation ihres Wissens, das zu unabhängigem Denken befähigt. Ohne diese Grundlage wären auch die Errungenschaften Charles Darwins undenkbar gewesen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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