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Englands Laureaten : Lorbeer für Comiczeichner

Es hat lange gedauert, aber Comics werden immer ernster genommen. Dass hätte Superman bei seinem Debüt 1938 auch nicht gedacht. Bild: AP

Den königlich-englischen Poet laureate kennt man seit Jahrhunderten. Jetzt soll auch ein Comic-Künstler seine Lorbeeren erhalten und für kindliche Lesefreudigkeit sorgen. Gleich die erste Ernennung ist verblüffend.

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          Das Amt des königlich-englischen Poet laureate geht bis ins vierzehnte Jahrhundert zurück, als kein Geringerer als Geoffrey Chaucer, der Verfasser der „Canterbury Tales“, 1389 diesen Titel und vor allem ein damit verbundenes jährliches Weindeputat erhielt. Institutionalisiert wurde das vom jeweiligen Throninhaber verliehene Amt aber erst im siebzehnten Jahrhundert; der so Ausgezeichnete wurde jeweils auf Lebenszeit berufen, weil gute Dichtung niemals altert, und regelmäßige Alkoholzuwendungen gab es auch weiterhin.

          Mittlerweile ist das Amt auf zehn Jahre begrenzt, und man bekommt beim Antritt sechshundert Flaschen Sherry, die dann als Inspirationsquelle ausreichen müssen. Und weil gekrönte Häupter genug am Hut haben, übernimmt seit einiger Zeit mit dem britischen Premierminister jemand die Auswahl, der offenbar viel Zeit für die Lektüre von Gedichten hat. Die damit einhergehende Demokratisierung des literarischen Lorbeers machte Schule: Just in dem Jahr, als von Lebens- auf zehnjährige Amtszeit umgestellt wurde, 1999, wurde durch eine Expertenjury ein zweiter staatlicher Dichter gekrönt: zum „Children’s laureate“. Dessen Aufgabe sollte nicht mehr darin bestehen, offizielle Anlässe poetisch zu bereichern, sondern die Leseförderung zu forcieren. Das ist Arbeit, also gibt es dafür Geld, 15000 Pfund, nach zwei Jahren ist man die mit dem Lorbeer verbundene Verpflichtung wieder los. Zu trinken gibt es nichts. An diesem Modell orientiert sich zeitlich wie inhaltlich nun auch der dritte britische Laureatus. Er amtiert gleichfalls für zwei Jahre, er soll gleichfalls für mehr kindliche Lesefreudigkeit sorgen.

          Ungewöhnlich ist nur, dass es dafür weder Alkohol noch Geld gibt. Denn der „Comics laureate“ wird zwar bestellt, um gegen das Vorurteil anzugehen, Bildergeschichten verdummten die Kinder, aber anscheinend glauben die Auslober, ein gemeinnütziger Verein namens Comics Literacy Awareness, selbst nicht an mess- und somit bewertbare Erfolge. Ihr erster Amtsinhaber, der Zeichner Dave Gibbons, dürfte zudem für vieles geeignet sein, aber um Kindern Comics und damit das Lesen nahezubringen (und Eltern dabei ruhig zusehen zu lassen), sollte er sein eigenes Werk lieber zu Hause lassen. Denn Gibbons ist weltberühmt für seine Arbeit an „Watchmen“, einer zwölfteiligen amerikanische Superhelden-Heftserie aus den achtziger Jahren, in der ein alternativer Geschichtsverlauf vorgestellt wird, der mit der Auslöschung großer Teile von Manhattan endet – nicht gerade ein Schlummerlied. Verfasst hat diesen Stoff übrigens nicht Gibbons, sondern Alan Moore.

          Dessen Wahl zum lesefördernden Comics laureate wäre also zwingender gewesen, zumal Moore vor vierzehn Jahren das Trinken aufgegeben hat und somit anders als Gibbons den Poet laureate nicht um dessen Sherrydeputat beneidet hätte. Aber ein Mann, der sich selbst als okkulten Priester bezeichnet und den literarisch virtuosen, aber pornographischen Comic „Lost Girls“ geschrieben hat, kam wohl noch schlechter in Frage als der zeichnende Kollege. Das Problem bei dem, was heute als anspruchsvoller Comic gilt: Es richtet sich an Erwachsene. Übers Klischee, Comics seien vor allem Kinderkram, sollte man auch in Großbritannien hinaus sein.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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