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Englands Boulevard : Entschlüsselt

Woran Engländer denken, wenn sie von einem „bon viveur“ lesen: Auf der Insel hat man nun ein Wörterbuch für die Sprache der Boulevardpresse.

          Die fremdsprachfaulen Engländer haben entdeckt, dass sie eine zweite Sprache beherrschen. Dieser ausdrucksstarke, sich über alle Regeln der Grammatik hinwegsetzende Dialekt wird in der Regel nicht gesprochen, sondern nur gelesen. Er beschränkt sich auf die Journaille und heißt demnach „Journalese“. Seine Meister sind die Schreiberlinge der Boulevardpresse, aber die aus einer Kombination von Zeitnot, Platzmangel, Bequemlichkeit und Sensationslust entstandenen Anspielungen, Kalauer und gestanzten Formulierungen sind keine alleinige Domäne von Sensationsblättern, wie aus dem wohlwollend spöttischen Wörterbuch, „Romps, Tots and Boffins“ hervorgeht, das Robert Hutton, politischer Korrespondent beim Nachrichtensender Bloomberg, gerade vorgelegt hat.

          Der schmale Band erläutert für Nichteingeweihte nicht nur die Hieroglyphen, sondern auch manche Bräuche der Zunft. „Romps, Tots and Boffins“ heißt in etwa „Tollen, Knirps und wissenschaftlicher Experte“, womit jeder gemeint sein könne, der an einer Hochschule beschäftigt ist, einen Abschluss der mittleren Reife in einem naturwissenschaftlichen Fach oder auch nur einen Laborkittel besitzt, witzelt Hutton und mokiert sich über die Neigung von Reportern, ihre Quellen aufzubauschen.

          Wie aus informierten Kreisen ...

          Beruft sich ein Auslandskorrespondent auf einen „local“, einen Einheimischen, sei sein Taxifahrer gemeint, „Quellen in Westminster“ sei bloß eine pompöse Umschreibung von „der Reporter am Nebentisch“, „Kritiker meinen“ heiße „wir denken“, und wenn die BBC die Formel verwende, sie habe „in Erfahrung gebracht“, sei darunter zu verstehen, dass sie den Konkurrenzsender Sky schaue, erklärt Hutton. „Bon viveur“ ist eine höfliche Chiffre für Trinker, und ein Nachruf, der mit der Formel endet, „er war unverheiratet“, lässt keinen Zweifel an der sexuellen Orientierung des Verstorbenen.

          Überhaupt lebt Journalese zum Teil von der Kunst der augenzwinkernden Anspielung, besonders wenn es gilt, eine Behauptung zu umschreiben, die, deutlich ausgesprochen, der Zeitung eine Klage einbringen könnte. Der ironische Euphemismus ist allerdings auch eine geschickte Form der Schmeichelei. Sie kitzelt die Eitelkeit des Lesers, der das Innuendo versteht und meint, zu einem Kreis von Eingeweihten zu gehören. Nicht zuletzt darauf beruht der Erfolg der Boulevardpresse.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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