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England spart : Grausame Zeiten

Leuchttürme haben es leichter, Sponsoren zu finden: die Tate Modern in London Bild: AFP

Eine Kultur des Gebens und des Bittens soll das Vereinigte Königreich vor den schlimmsten Kürzungen bewahren. Kritiker meinen, das sei bloß ein Tarnmanöver, um über die drastischen Einsparungen im öffentlichen Sektor hinwegzutäuschen.

          Bestenfalls ließe sich die Reaktion auf David Camerons Vision von der „großen Gesellschaft“ als lauwarm bezeichnen. Der Premierminister vermochte schon im Wahlkampf wenig Begeisterung zu schüren mit seinem „progressiven“ Konservatismus und dem Aufruf zu einer radikalen Machtverlagerung „von der Elite in Whitehall auf den Mann und die Frau auf der Straße“. Camerons Vorstellungen über das Schrumpfen des Staates und die Einbeziehung von Bürgern und „passiven Empfängern staatlicher Hilfe“ in die Belange ihrer Gemeinden wurden als zu vage empfunden, um Wirkung zu haben. Und jetzt, da der Premierminister einen neuen Vorstoß unternommen hat, um die Briten für seine „große Passion“ zu gewinnen, mäkeln Kritiker, die Idee, Freiwillige zum gemeinschaftlichen Zupacken zu motivieren, sei bloß ein Tarnmanöver, das über die drastischen Einsparungen im öffentlichen Sektor hinwegtäuschen solle.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Cameron mag noch so sehr beteuern, dass es bei der „neuen Kultur des Voluntarismus, der Philanthropie, des sozialen Handels“ nicht um Geld gehe, sondern um die Idee einer „größeren und besseren Gesellschaft“. Seine sozialromantische Forderung stößt auf breite Skepsis in einer Zeit, da der ganze Staatsapparat und die von ihm abhängigen Institutionen vor drastischen Kürzungen stehen.

          Zehn Prozent sind doch zu verkraften?

          Das gilt insbesondere für den kulturellen Sektor. Selbst Kulturminister Jeremy Hunt spricht unverblümt von „grausamen“ Zeiten. Man ahne noch gar nicht, wie hart die Einschnitte sein würden. Nicholas Serota, Direktor des Tate-Imperiums, meint, dass Kürzungen in Höhe von zehn Prozent zu verkraften seien. Die Regierung aber hat Einsparungen in Höhe von bis zu dreißig Prozent gefordert. Das würde den Betrieb, Serota zufolge, um zwei Jahrzehnte zurückwerfen in die Zeit vor der staatlichen Lotterie und dem wirtschaftlichen Boom, die wie Dünger auf die Kulturlandschaft wirkten.

          Whitehall hat gut reden: Kulturminister Jeremy Hunt will die Philantropen aus der Reserve locken

          Im Vorfeld von Camerons großer Rede hatte ein Treffen leitender Figuren des subventionierten Kulturbetriebs, darunter die Direktoren des National Theatre, der Tate, des British Museum und der National Gallery, mit Schatzkanzler George Osborne und Jeremy Hunt bereits eine Diskussion über die Rolle der Philanthropie entfacht. Dem Vernehmen nach soll Osborne seine Besucher ermutigt haben, noch größere Anstrengungen zu machen, die zu erwartenden Fehlbeträge durch Spenden von privaten Mäzenen und Unternehmen auszugleichen.

          Stifter fordern Steueranreize nach amerikanischem Vorbild

          Kulturminister Hunt bekräftigte in einem Zeitungsgespräch, dass „Menschen, die es zu Geld gebracht haben“, Teil seiner Vision von der „großen Gesellschaft“ seien. Sie stünden in der Verantwortung, etwas zurückzugeben. Hunt schwebt das amerikanische Philanthropie-Modell vor. In einem Brief an die zweihundert wichtigsten Stifter hat Hunt sich unlängst für deren Beitrag bedankt und die Adressaten ermutigt, Anregungen zur Förderung privater Donationen zu geben. Beim gegenwärtigen finanziellen Klima sei es unerlässlich, die „Kultur des Gebens und die Kultur des Bittens“ zu verbessern. Beide, so fügte Hunt hinzu, seien wohl beeinträchtigt durch die „sehr britische Abneigung, über Geld zu reden“. Diese vornehme Hemmung haben Kultureinrichtungen bereits seit den Kürzungen der Thatcher-Jahre überwinden müssen, wie die von allen Seiten umworbenen Vermögenden nur zu gut wissen.

          Abgesehen davon, dass das britische Schatzamt – anders als das der Vereinigten Staaten – so gut wie keine steuerlichen Anreize für solche Großzügigkeit bietet, sind britische Geldgeber nicht bereit, als Lückenbüßer einzuspringen. Eine Gruppe von Stiftern, darunter der Sammler und Kunsthändler Anthony d’Offay, der Bauunternehmer John Ritblat und Lord Stevenson, ein ehemaliger Vorsitzender des Tate-Aufsichtsrates, haben dem Premierminister geschrieben, dass ihre Beiträge keineswegs als Ersatz für die staatliche Zuwendung, sondern lediglich als Ergänzung dazu zu sehen seien. Außerdem forderten sie Steueranreize nach amerikanischem Vorbild.

          Die Provinz hat nicht die Möglichkeiten der Hauptstadt

          In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat der britische Kulturbetrieb große Energien entfaltet, um die Abhängigkeit von den schrumpfenden öffentlichen Subventionen zu reduzieren. Das lässt sich am Beispiel des National Theatre veranschaulichen, das 1980 sechzig Prozent seiner Einnahmen vom Staat bezog. Unterdessen liegt dieser Anteil bei nur dreißig Prozent, nicht zuletzt, weil diese Flaggschiffinstitution, wie andere auch, zunehmend unternehmerische Initiativen ergriffen hat, um das von den Thatcheristen bemängelte Wohlfahrtsstaatsdenken auszutreiben. Diese Möglichkeiten stehen der Provinz ebenso wenig zur Verfügung wie den kleineren Organisationen, die stets am Existenzminimum laborieren müssen. Spender bevorzugen jedoch in der Regel etablierte und glanzvolle Einrichtungen in der Hauptstadt.

          Mit seiner Vorstellung von der zivilgesellschaftlichen Selbstverwaltung knüpft der Premierminister freilich an Gedanken an, die Benjamin Disraeli bereits in der Ära der viktorianischen Philanthropie formuliert hat. Aber das waren andere Zeiten, in denen der Staat auch deutlich geringere fiskale Ansprüche an seine Bürger stellte.

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