https://www.faz.net/-gqz-7zsnm

Energiehaushalt : Merkels Schlaf

Rainald Grebe sang einmal aus der Sicht eines Präsidenten: „Ich brauche nur 4 Stunden Schlaf. Und die schlafe ich für euch“. Ob sich Frau Merkel das zu sehr zu Herzen genommen hat? Bild: dpa

Berlin, Kiew, Moskau, Washington, Minsk: In einer Woche kann eine Kanzlerin gut 20.000 Kilometer hinter sich lassen. An Schlaf ist dabei kaum zu denken. Was folgt daraus?

          2 Min.

          Ausgeschlafenheit wird gemeinhin überschätzt. Schlafforscher machen sich nur wichtig, wenn sie so tun, als würde von mehr Schlaf die beschleunigte Moderne genesen. Chronisch ausgeschlafene Menschen erweisen sich oft als Windmacher, unempfänglich für die Vorzüge der Verzögerung. Es mag ja sein, dass chronischer Schlafmangel „normalerweise schon nach zehn Tagen Entzündungsreaktionen im Körper hervorruft“, wie der Schlafforscher Hans-Günter Weeß erklärt. „Man ist dann anfälliger für Erkrankungen oder Übergewicht.“ Aber als klinischer Befund ist das eben nur die halbe Wahrheit.

          Zur ganzen Wahrheit gehört, dass der Schlafbedarf nicht nur von chronobiologischen Kriterien abhängt, sondern auch eine kulturelle, ja, weltanschauliche Frage ist. Ob ich ein Typ bin, der zum Wohlfühlen ein hohes Wachbewusstsein braucht oder eher im Modus des Dahindämmerns zur vollen Form aufläuft, lässt sich nicht von den Messgeräten im Schlaflabor ablesen. Um das herauszufinden, spielt viel eher die Frage rein, was man sich überhaupt vom Leben verspricht: ob man glaubt, die Dinge im Halbdunkel schärfer zu sehen als im gleißenden Licht; ob man sich im Bewusstsein von dem, was fehlt, sicherer fühlt als in der Selbsttäuschung des Saturierten.

          Deshalb sollten die Schlafforscher der Kanzlerin jetzt auch keine Ratschläge erteilen, nachdem diese beim Marathon von Minsk mal wieder gezeigt hat, dass sie auch unausgeschlafen eine High-Performance hinlegen kann. Sie selbst sagt ja: „Ich habe eine Art Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen. Das ist eine Fähigkeit, die für dieses Amt nicht unwichtig ist. Ich kann über eine gewisse Zeit, fünf oder sechs Tage lang, mit wirklich sehr wenig Schlaf auskommen. Dann brauche ich auch wieder einen Tag, an dem ich ausschlafe, zehn, zwölf Stunden.“ Können Menschen Schlaf speichern wie Kamele Wasser? Angela Merkel hat diese Frage für sich mit „ja“ beantwortet. Allein das zählt.

          Wenn Schlafforscher nun eine Debatte über die wissenschaftliche Triftigkeit der Kamelanalogie lostreten und erklären, die Vorschlafkapazität betrage doch nur eine Stunde, dann ist das besserwisserisch, unpolitisch und jedenfalls ein untauglicher Versuch, die ideellen Grundlagen von Merkels Bombenkondition zu zerreden. Die Kanzlerin habe sich mit ihrer Kamelanalogie verrannt, sagt der Schlafforscher Jürgen Zulley: „Es ist mutig, dass sie sich mit einem Kamel vergleicht, aber der Vergleich hinkt sehr.“ Als Versuch, charmant zu sein, mag das durchgehen. Aber so ist es nicht gemeint. Dass Merkel mit ihren kamelartigen Fähigkeiten, den Gegner zu ermüden, auch über Krieg und Frieden entscheiden könnte, gilt den hellwachen Schlafforschern als ungesunde Sache. Ihnen kann die Kanzlerin mit Napoleon entgegenhalten: Vier Stunden Schlaf reichen, mehr brauchen nur Idioten.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Das Tabu berühren

          Suizid-Ausstellung in Kassel : Das Tabu berühren

          Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur zeigt eine behutsame Kunstausstellung zum Suizid. Sie räumt mit Mythen auf und fragt nach dem Schicksal der Hinterbliebenen.

          Topmeldungen

          Olaf Scholz spricht vergangenen Samstag in München.

          Wahlkampf : Scholz nennt konkretes Ziel für Steuererhöhung

          Erstmals beziffert der SPD-Spitzenkandidat, wie hoch der Spitzensteuersatz unter ihm als Kanzler liegen könnte. Dass im Gegenzug unter anderem der Mindestlohn auf 12 Euro steigt, macht er zur Bedingung für eine Koalition.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.