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„Endless River“ von Pink Floyd : Der Rest vom Synthesizer-Fest

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Als Pink Floyd noch Avantgarde war: Ein undatiertes Foto der Band aus den 70er Jahren Bild: obs

Die Band Pink Floyd bringt nach 20 Jahren ihr letztes Album heraus. „The Endless River“ ist ein einziges Selbstzitat. Kann man sich das anhören? In hundert Jahren noch!

          Es hat Tradition, die Geschichte von Pink Floyd, vor 49 Jahren gegründet, als Verfalls- und Verratsgeschichte zu erzählen. Manche haben damit schon 1968 begonnen, als der Gitarrist Syd Barrett aus der Band gedrängt wurde – ein kreativer Kopf, der ihre allererste, psychedelische Phase prägte, jedoch der Professionalisierung und den Tour-Strapazen nicht gewachsen war. In Zeiten des Punk wurden Pink Floyd zum Lieblingsfeindbild; mit ihrer musikalisch-soundtechnischen Überambitioniertheit hatten sie den Heiligen Gral der Rockmusik verraten: Rebellion und Simplizität (obwohl viele ihrer Stücke in der Grundstruktur unkompliziert sind).

          Alte Fans wiederum empfanden 1979 „The Wall“ als Ausverkauf und Anbiederung ans breite Pop-Publikum – die einstigen Avantgardisten stürmten die Hitparade mit Schulhof-Hymnen! Schließlich uferte der interne Bandkrieg zwischen Roger Waters und David Gilmour aus, mit dem Ergebnis, dass Waters die anderen zu Begleitmusikern für „The Final Cut“ degradierte. Die Alben der Post-Waters-Ära wurden kaum noch ernst genommen von der Kritik – Pink Floyd in Schwundstufe. Und nun dies: Nach zwanzig Jahren ohne neues Studioalbum ein Werk, das ganz offiziell als Resterampe der „Division Bell“-Sessions daherkommt und in ersten Kritiken je nach Belieben als Sauna- oder Fahrstuhlmusik, Esoterikkitsch oder Berieselung für die Psychotherapeutenpraxis abgeurteilt wurde. Was für eine Schmach!

          Man kann trotzdem ganz beruhigt sein – Pink Floyd gehören zu den wenigen Bands, die die Menschen auch noch in hundert Jahren hören werden. Vielleicht sogar „The Endless River“, das jetzt erschienene Album (Parlophone/Warner). Es beginnt schon mal nicht schlecht: breite Keyboard-Klangflächen, die Melodie einer synthetischen Trompete, hallende Akkorde der akustischen Gitarre, dann das getragene Solo auf der elektrischen – zweifellos eine Reprise von „Shine On You Crazy Diamond“, das schon 1975 den melancholischen Rückblick auf die frühen Jahre zelebrierte: „Remember when you were young/you shone like the sun/Now there’s a look in your eyes/like blackholes in the sky.“ Es ist nicht originell, aber, laut gehört, trotzdem eindrucksvoll. Und ein stimmiges Motiv für ein Album, das die Bandgeschichte rekapituliert – als dreiundfünfzigminütiger Fluss, auf dem die Zitate treiben. Bis auf das letzte Stück ist „The Endless River“ ein Instrumentalwerk, was man auch als kleines Nachtreten gegen Roger Waters verstehen kann, im alten Streit um „Klang“ oder „Konzept“.

          Unter Waters’ Führung wurden Texte und „Botschaften“ bestimmend, was zu Zeiten von „Meddle“ und „Live at Pompeii“ noch undenkbar war. Diese frühen Jahre beschwört das zweite Viertel des Albums. Gilmours Gitarre ergeht sich in psychedelischen Klangkaskaden wie einst in „One Of These Days“, dazu liefert Nick Mason kraftvolle Trommelarbeit. Diese Klanggewitter gehören zum Besten, was man von Pink Floyd seit drei Jahrzehnten gehört hat. Danach geht das Album über in die Ruhezone. „Anisina“ zitiert das Klaviermotiv von „Us And Them“, mit jubilierendem Saxophon als Gesangsersatz im Refrain und zu vielen Uuh-huh-Chören, eine leider kitschig geratene Verneigung vor Rick Wrights vielleicht berühmtestem Song auf „Dark Side Of The Moon“.

          Ausgerollte Klangteppiche

          Dem 2008 verstorbenen Keyboarder ist „The Endless River“ gewidmet. Er war das schüchternste und oft übersehene Mitglied der Band. Von daher ist es nobel, dass dieses Album in erster Linie dazu dient, Wrights verbliebene Klangteppiche auszurollen, auch wenn es sich teils um B-Ware handelt. Wright liebte komplexe Jazz-Akkorde; seine ruhigen Kompositionen waren harmonisch oft interessanter als die einfachen, effektbewussten Popstrukturen, die Waters favorisierte.

          Während die erste Hälfte des Albums mit ihrem Reminiszenzen-Ragout weit in die Bandgeschichte ausgreift, klingt die zweite nach den angekündigten Überbleibseln von „The Division Bell“. Und fällt ab: dahinplätschernde Ambient-Klänge. Bevor Pink Floyd am Ende ihrer Karriere aber unwürdig in Loch Wellness verschwinden, kommt ein Aufschwung: „Louder Than Words“, ein süffiger Song mit Gilmour-Gesang und leicht an „Comfortably Numb“ gemahnender Gitarren-Ekstase am Ende. Überhaupt hat Gilmour hier viel Platz für seinen singenden und luziden Stratocaster-Sound und seine bluesig-sphärischen Melodielinien, jeder Ton liebevoll bearbeitet, gedehnt oder mit Tremolo versehen, als wäre es gerade dieser, auf den es besonders ankommt.

          Kunstvolles Gewebe aus Selbstzitaten – oder Flickenteppich der Einfallslosigkeit? „The Endless River“ hat etwas von beidem. Natürlich hat man auf ein paar ungehörte, vielleicht sogar unerhörte Momente gehofft. Die bietet dieses Album nicht. Die innovativste Band der Siebziger hat ihr musikalisches Potential offenbar restlos ausformuliert. Die Größe und Erhabenheit ihrer Musik waren zuletzt vor drei Jahren bei der Veröffentlichung exzellenter Liveaufnahmen aus dem Jahr 1974 zu bestaunen auf „Wish You Were Here – Experience Edition“, mit fabelhaften Variationen auf „Animals“, das unterschätzte Meisterwerk. Nach dem Biss dieses düsteren Albums bekommt man jetzt wieder Sehnsucht; da war noch kein Weichspüler, nie klang Gilmours Gitarre gefährlicher, grimmiger, wuchtiger.

          „The Endless River“ hat aber Momente, die sich einschleichen, etwa das temperamentvolle „Allons-y“ mit den „The Wall“-Anklängen. Diese Suite erinnert daran, dass Pink Floyd anfangs auch Filmmusiken geschrieben haben. Es ist ein Soundtrack in eigener Sache – eine sentimentalische Zeitreise in die Vergangenheit der Zukunftsmusik.

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