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Endlager-Suche : Die Hybris

  • -Aktualisiert am

Atomkraftgegner versuchen im Wendland, den Castor-Transport zu blockieren Bild: Pilar, Daniel

Die Bundesregierung sucht einen Ort für das Endlager deutschen Atommülls, der Sicherheit für eine Million Jahre bietet. Eine Million Jahre. Wie absurd ist das genau?

          7 Min.

          Sie reißt die Augen auf und wirft die Lilien zu Boden. Ihr Liebhaber starrt sie an, hebt langsam eine Blüte auf und blickt in ihren Kelch: Auf der Innenseite ist deutlich ein Totenkopf zu erkennen. Er betrachtet die übrigen Lilien: Alle haben dieselbe merkwürdige Zeichnung. Darunter winzig kleine Buchstaben. Er holt eine Lupe aus seiner Tasche und liest langsam und halblaut: „Atomares Endlager. Meiden Sie diesen Ort.“ Er lässt die Blumen fallen, fotografiert sie kurz und eilt mit seiner Geliebten zum Helikopter. Kurz darauf heben sie ab und verlassen die Waldlichtung. Wir schreiben das Jahr 12537.

          Ungefähr so muss es sich Stanisław Lem vorgestellt haben, als er 1984 in der Zeitschrift für Semiotik vorschlug, eine „Atomblume“ zu kreieren, die nur in der Nähe eines Atommülllagers gedeiht und die über 10.000 Jahre eine Botschaft über Art und Gefahr des betreffenden Lagers überbringen soll.

          Im Helikopter springt dem Mann die Katze auf den Schoß. Ihr Fell ist grün getigert. Zurück in der Megapolis, das Katzenfell ist wieder grau, suchen unsere Liebenden die nächstgelegene Atomkirche auf. Der Atompriester schüttelt seinen Kopf und schmunzelt beim Anblick der Fotos: „Oh, mein Gott, wisst ihr, Ende des zweiten Jahrtausends haben die Menschen so verrückte Dinge gemacht. Am besten, ihr fliegt bei eurem nächsten Ausflug einfach woandershin.“

          Was wissen wir über solche Zeiträume?

          Die Kommunikationsforscherin Françoise Bastide setzt auf Tiere, die für Detektorzwecke gezüchtet werden. Etwa eine „Strahlenkatze“ (frz. „radiochat“), die auf radioaktive Strahlung mit einer Verfärbung der Haut reagiert. Thomas Sebeok schließlich, Professor für Semiotik an der Universität von Indiana, plädiert dafür, dass eine „Atompriesterschaft“ die Aufgabe übernimmt, Verluste bei der Tradierung von Informationen zu verhindern.

          All dies ist grotesk, natürlich. Aber es ist bloß eine Reflexion der grotesken Realität des Endlagerproblems. In den Endlagersicherheitsanforderungen der Bundesregierung heißt es, zum dauerhaften Schutz von Mensch und Umwelt vor der Strahlung des Atommülls sei eine „Sicherheitsbewertung, die einen Zeitraum von einer Million Jahren umfasst“, vorzunehmen. Ist das nicht ebenso grotesk? Im Hinblick auf die Atomkraft schrieb der Philosoph Robert Spaemann in dieser Zeitung: „Es ist einfach Hybris, die Welt so zu möblieren, dass sie nur dann bewohnbar bleibt, wenn alle Menschen gut sind.“ Ist es nicht dieselbe Hybris, eine Bewertung vornehmen zu wollen, die einen Zeitraum von einer Million Jahren umfasst?

          Was wissen wir eigentlich über solche Zeiträume? Begeben wir uns auf eine Zeitreise in umgekehrter Richtung. Beginnen wir am ältesten noch heute in Gebrauch befindlichen Gebäude der Welt, dem Pantheon: 1900 Jahre. Reisen wir nach Stonehenge und Gizeh, so überblicken wir 5000 Jahre. Mit dem Aufkommen der frühesten Hochkultur, der Kultur der Sumerer vor gerade einmal 6000 Jahren, verlassen wir nach Definition der Historiker bereits die „Weltgeschichte“ in Richtung „Urgeschichte“. Vor 13.000 Jahren: letzter Vulkanausbruch in der Vulkaneifel. Die Tempelanlage von Göbekli Tepe in der Südtürkei bringt es immerhin auf fast 15.000 Jahre. Die Gletscher der letzten Eiszeit gaben die norddeutsche Tiefebene vor knapp 20000 Jahren frei. Gehen wir weiter zurück: Aussterben des Neanderthalers: 30.000 Jahre. Höhlenmalerei in Werner Herzogs Chauvet-Höhle der vergessenen Träume: 35000 Jahre. Ankunft des Homo sapiens in Europa: 100000 Jahre. Älteste fossile Funde des Homo sapiens in Afrika: 200.000 Jahre. Der „Unterkiefer von Mauer“ des Homo heidelbergensis stammt aus der Zeit um 600000 v.Chr. Eine Million Jahre: Tiefste Altsteinzeit.

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