Baby Gammy : Das Internet als Hassgenerator
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Einmal Hassfigur, immer Hassfigur: David Farnell, Vater von Gammy und Pipah (im Bild), eingeblendet in das Interview mit dem australischen Fernsehsender Channel Nine. Bild: AP
Der kleine Gammy ist das derzeit berühmteste Baby der Welt. Seine Geschichte verrät viel über die Empörungsmaschinerie im Netz. Und sie zeigt einmal mehr, wie leicht Existenzen zerstört werden können.
Das Internet produziert verlässlich Hassfiguren, wobei erst einmal unerheblich ist, ob es jemanden zu Recht oder zu Unrecht trifft. Es kommt jedenfalls vor, dass so ein Shitstorm weltumspannende Ausmaße annimmt. Wie die Empörungs- und Verurteilungsmaschinerie im Netz funktioniert, lässt sich seit Anfang August anhand der Geschichte des kleinen Gammy, des derzeit berühmtesten Babys der Welt, gut beobachten. Man müsste auf einem anderen Planeten leben, um von diesem Fall nicht gehört zu haben.
Zur Erinnerung: Ein australisches Ehepaar reist nach Thailand und engagiert dort über eine Agentur für umgerechnet etwa 10.000 Euro eine thailändische Leihmutter: die einundzwanzigjährige Pattaramon Janbua. Mit ihrer Familie, zu der auch zwei Kinder gehören, lebt sie südlich von Bangkok, betreibt eine Garküche und ist hochverschuldet. Im Dezember 2013 bringt sie Zwillinge zur Welt: ein Mädchen und einen Jungen. Das Mädchen, Pipah, ist gesund, der Junge, Gammy, ist es nicht, er leidet am Downsyndrom und an einem Herzfehler. Als das australische Paar wieder nach Hause reist, nimmt es nur das gesunde Mädchen mit und lässt den behinderten Gammy bei der Leihmutter zurück.
Als Gammy sechs Monate alt ist und wegen seines Herzens und einer Lungenentzündung dringend medizinisch behandelt werden muss, nimmt die Geschichte Fahrt auf. Pattaramon Janbua gibt erste Interviews, unter anderem einem Fernsehsender, dessen Reporter sie erzählt, dass die Australier, nachdem sie von der Behinderung des Jungen erfuhren, versucht hätten, sie zu einer Abtreibung zu zwingen.
Klare Rollenverteilung
Für Pattaramon Janbua sei ein solcher Schritt aus religiösen Gründen nicht in Frage gekommen. Es sei doch nicht Gammys Schuld, sagte sie, „ich liebe ihn wie meine eigenen Kinder, schließlich war er neun Monate in meinem Bauch“. Gammys niedliches Gesicht mit sehr großen braunen Augen und blasser Haut war nun in der Welt und verbreitete sich rasant. Empörte Australier starteten unter dem Namen „Hope for Gammy“ eine Online-Spendenaktion und sammelten mehr als 200.000 Euro. Man wundert sich, dass Hollywoods Stars twittermäßig bislang so ruhig geblieben sind.
Die Rollen in der Sache sind von Beginn an klar verteilt gewesen, es gibt nur Schwarz und Weiß in dieser Geschichte, nur Gut und Böse: Reiche Australier lassen bettelarme Thailänderin mit behindertem Kind im Stich, nachdem sie sie als Gebärmaschine missbraucht haben. Diese lehrbuchhafte Dramaturgie rührte auch Australiens Einwanderungsminister Scott Morrison, der Pattaramon Janbua in einem Radiointerview als „absolute Heldin“ und „Heilige“ bezeichnete.
Leihmutter-Schicksal : Thailändische Leihmutter übernimmt behindertes Baby
Als dann auch noch ans Licht kam, dass sich der heute sechsundfünfzigjährige australische Ehemann in den neunziger Jahren sexuell an drei minderjährigen Mädchen vergriffen hatte, wofür er mehrere Jahre im Gefängnis saß, war der Internetmob in seinem Element. „Dass so Leute dann noch Kinder haben dürfen. Einmal Straftäter, immer Straftäter!“, hieß es bei Facebook. Oder: „Ist er ein Mann oder ein Tier?“ Der australische Vater sei ein Mistkerl, ein Monster. Er wollte, wurde gemutmaßt, nur aus einem Grund wieder Vater werden: um seine pädophile Neigung zu befriedigen - ein Kinderschänder, der sein Opfer in Thailand gekauft habe.
Mediale Dauerberichterstattung
Reporter belagerten das Haus des Ehepaars, weshalb dieses sich tagelang nicht mehr auf die Straße traute, und ein Nachbar meldete sich mit der Aussage zu Wort, er glaube beobachtet zu haben, dass die beiden einen Kinderwagen aus ihrem Auto geladen hätten. Jeder Neuigkeitsfetzen wurde mit Pseudorelevanz aufgeladen. Die mediale Dauerberichterstattung, die Züge eines Vernichtungsfeldzugs angenommen hat, ließ dem Ehepaar keine andere Möglichkeit mehr, als sich zu stellen: den Reportern, dem Netz, der Weltöffentlichkeit.