https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/emotionen-nach-saudi-arabiens-wm-sieg-gegen-messi-18482813.html

Alles außer Fußball : Wenn Außenseiter siegen

Schlussjubel: der saudische Spieler Abdulelah Al-Malki nach dem Sieg gegen Argentinien. Bild: Witters

Man muss Fußball nicht immer analysieren. Manchmal reicht es, seine Wirkung auf Gesichtern und Körpern zu studieren, zum Beispiel nach Saudi-Arabiens historischem Sieg gegen Argentinien und der deutschen Pleite gegen Japan.

          2 Min.

          Waren Sie schon mal in Saudi-Arabien? Ich auch nicht. Was die meisten über das Land wissen, kommt aus ein paar wenigen Zusammenhängen der letzten Jahrzehnte: islamischer Fundamentalismus. Reichtum durch Öl. Finanziers des Terrorismus. Steinigungen und Amputationen als Strafe. Zwei der drei heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina, befinden sich in Saudi-Arabien. Darüber hinaus können nur noch die Experten etwas beisteuern.

          Die größte Heldentat

          Doch dann kam der 2:1-WM-Sieg gegen Argentinien am Dienstag, der glücklicherweise noch etwas peinlicher für den zweifachen Weltmeister war als Japans 2:1 gegen uns. Und zum ersten Mal im Leben habe ich mich für saudische Emotionen interessiert. Stellen wir uns vor: Dieses Land, das niemand mit Fußball verbindet und dessen Liga keine Stars ins Ausland exportiert, hat für die größte Heldentat der WM-Geschichte gesorgt und seinen zweiten Sieg überhaupt in der Turniergeschichte errungen.

          Da will man doch wissen, was im Land los ist. Erste Nachricht: Die Führung erklärte den Tag nach dem Match zum Feiertag. Wunderbar! Man gibt den Menschen staatlicherseits Zeit, sich zu freuen oder auszuflippen oder sonst den Tag zu vertrödeln, jedenfalls: ohne Arbeit. Natürlich haben die internationalen Medien fieberhaft nach saudischen Stimmen gefahndet. Der „Guardian“ präsentierte uns einen Marketingmenschen im Bauministerium in Riad mit dem Satz: „Heute Abend haben wir Geschichte geschrieben.“

          Die „New York Times“ berichtete, Prinz Mohammed habe die Partie im Fernsehen geschaut und sich danach mit mehreren Menschen umarmt. Ein Youtube-Video von feiernden Fans zeigt einen Mann, der vor Freude eine Metalltür aus der Wohnung wirft, was auch durch wiederholtes Gucken der Szene nicht verständlicher wird, und dann einen anderen Mann, der mit der Kalaschnikow (oder dem, was Laien dafür halten könnten) in die Luft feuert – woraus man immerhin schließt, dass es Waffen im Haus gibt.

          Auch die Rivalen in der Nahost-Region ließen sich nicht lumpen. Dubais Herrscher, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, twitterte seine Glückwünsche, die wir leider nicht zitieren können. Der Emir von Qatar wickelte sich sogar kurz in die saudische Flagge und beendete damit laut „New York Times“ fünf Jahre Feindschaft zwischen den beiden Wüstenstaaten.

          Selbst Israels künftiger Premier Benjamin Netanjahu gratulierte mit einem Videoanruf an den befreundeten saudischen Blogger Mohammed Saud und nannte ihn „Bruder“. Argentinien sei eine großartige Fußballmannschaft und Lionel Messi ein großartiger Spieler, sagte Netanjahu, das mache den Sieg noch eindrucksvoller. Womit hier, an dieser Stelle, erwähnt sein soll, dass der Fußball nicht nur die FIFA, Schmiergelder und Gianni Infantino hervorbringt, sondern immer wieder, an allen Punkten der Erde, auch Stolz, Freude und einen Taumel des schönsten Irrsinns.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Weitere Themen

          Küssen absolut nicht verboten

          Die Geheimnisse der Mistel : Küssen absolut nicht verboten

          Die Mistel soll vielerlei Krankheiten heilen, ermutigt seit Jahrhunderten zum anlasslosen Küssen und bewahrt doch noch einige Geheimnisse: Über eine Winterpflanze mit reicher Geschichte.

          Topmeldungen

          Im Vergleich: Welche Bank zahlt jetzt wie viel Zinsen?

          Zinswende : Welche Bank jetzt wie viel Zinsen zahlt

          So langsam kommt auch bei den großen Banken Fahrt in die Zinswende. Zahlen Commerzbank und Deutsche Bank für Tages- und Festgeld mehr als die Sparkasse von nebenan?
          Auch das Atomkraftwerk in Chooz in den Ardennen steht derzeit wegen Reparaturarbeiten still.

          Frankreich : Der unfreiwillige Atomausstieg

          Frankreichs Reaktoren sollten längst wieder laufen. Daraus wird so schnell nichts. Das bereitet nicht nur den Franzosen Sorge, sondern ist auch für Deutschland ein Problem.
          Bayern-Chef Oliver Kahn bei der Jahreshauptversammlung der Münchener im Oktober 2022

          Krise bei DFL und DFB : Wo ist eigentlich der FC Bayern?

          Im deutschen Diskurs um die Zukunft des Fußballs gibt gerade Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund den Ton an, nicht Oliver Kahn vom FC Bayern. Das wirft Fragen auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.