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Emmanuel Macron : Ein Uber-Mensch aus der Retorte

Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron posiert für ein Selfie auf dem Großmarkt Rungis in Paris Bild: EPA

Das dritte Geschlecht in der französischen Politik heißt Emmanuel Macron. Er ist weder links noch rechts, aber sowohl als auch. Ist er Klon seiner Vorgänger oder Ödipus in Merkels Bett?

          Wer interviewt wen, du mich oder ich dich?“: Es ist die erste Frage des Gesprächs, gestellt wird sie von Emmanuel Macron. „Un peu les deux“, sowohl als auch, antwortet ihm der Schriftsteller Michel Houellebecq. Ihn hatte das Kult-Magazin „Les Inrockuptibles“ vor einem Jahr als Gastchefredakteur engagiert, sein Wunsch war es, Macron zu „interviewen“. Houellebecq stimmt ein Lob auf die direkte Demokratie an und zeigt sich angetan von Macrons Anspruch, das Links-rechts-Schema zu überwinden. Der Schriftsteller der „Elementarteilchen“ hatte wieder einmal den besten politischen Instinkt im Lande. Später bezeichnete er Macron mit einem Begriff aus dem Labor der genetischen Veränderungen als „mutant“: Macron, ein „Mutierter“.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Einen „Zyniker“ nannte ihn Nicolas Sarkozy, als immer deutlicher wurde, dass auch Emmanuel Macron Staatspräsident werden will. Beschrieben aber hat Sarkozy den Rivalen als Zwitter: „Ein bisschen Mann. Ein bisschen Frau. Das ist die neue Mode. Androgyn.“

          Nach ihrem Scheitern im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit konzentrierten sich die Sozialisten in ihrem ungebrochenen ideologischen Eifer auf die Gesellschaftspolitik. Kunden von Prostituierten werden bestraft und Raucher mit fanatischen Methoden in Namen der Gesundheit umerzogen. Wer, wie die fundamentalistischen Katholiken, im Internet vor Abtreibung warnt, unterliegt fortan der Zensur und macht sich strafbar. Die Sozialisten führten die „Ehe für alle“ ein und in der Schule ein neues „ABCD der Gleichheit“. Die praktischen Übungen mit vertauschten Geschlechterrollen wurden erst gestoppt, als muslimische Eltern ihre Kinder zu Hause behielten. Gegen das Lehrbuch „Mann oder Frau werden“ legte sich Papst Franziskus mit dem Gleichheits- und Genderwahn der französischen Regierung an. Macron – dessen Vorname für Männer und Frauen gleich ausgesprochen wird – ist die Inkarnation des neuen Menschen der sozialistischen Utopie. Und auch noch jung, blond, blauäugig, kultiviert und intelligent.

          Die Heilserwartungen der Franzosen

          Nur der Widerstand gegen den Kulturkampf der Sozialisten für den neuen Menschen als drittes Geschlecht ermöglichte den überraschenden Sieg von François Fillon in der Primärwahl der Republikaner. Gegen Sarkozy und Juppé schien er keine Chance zu haben. Doch die bestens organisierten Katholiken des „Printemps français“ und von „Sens commun“, die gegen die Leihmutterschaft und die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare auf die Straße gingen, brachten die Wähler in seine Meetings und die Wahllokale. Nach der Ankündigung einer Anklage gegen Fillon, den das Establishment der Partei zum Aufgeben drängte, retteten sie ihn mit einer sonntäglichen Großdemonstration in Paris ein zweites Mal.

          Die Anhänger der Bewegung „En marche!“ unterstützen ihren Kandidaten Macron mit Plakaten, die an die französische Revolution erinnern: „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“

          Wie ein Messias hatte derweil der dissidente Sozialist Macron zum Höhenflug angesetzt. Als Offenbarung gegen den unaufhaltsamen Aufstieg von Marine Le Pen wurde er empfunden. Er legte ein Gelübde für Europa ab und schimpfte die französische Flüchtlingspolitik als das, was sie ist: eine Schande für die Republik. Neue, versöhnliche Töne schlägt er an. Im Fernsehen schüttelt er seinen Gegnern ostentativ die Hand. Wie sehr sich die Heilserwartungen der Franzosen nach der Revolution von der Religion auf die Politik übertrugen, hat der Historiker François Furet beschrieben. Ihr Erbe will Macron erneuern – Titel seines Buchs: „Revolution“ – und gleichzeitig die Spaltung in Linke und Rechte überwinden.

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