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Wahlkampf in Frankreich : Die neue politische Jungfrau

Die Rettung naht? Emmanuel Macron auf dem Weg zur französischen Präsidentschaft Bild: AFP

Emmanuel Macron nutzt die Chance der späten Geburt: Er ist als Lichtgestalt im politischen Wahlkampf erschienen und rettet nun nicht nur Frankreich – sondern gleich ganz Europa.

          Immerhin hat sich keiner den Judenstern an die Brust geheftet in diesem Wahlkampf, in dem zuletzt die Vergangenheit die Dramaturgie bestimmte. Emmanuel Macron pilgerte nach Oradour, Jean-Luc Mélenchon trug das „rote Dreieck“ am Sakko mit Mao-Kragen, das Kennzeichen der kommunistischen Deportierten in den Konzentrationslagern. Marine Le Pen wiederum boykottierte den Tag der Arbeit, den die Rechtsextremisten zum Feiertag der Erinnerung an Jeanne d’Arc umfunktioniert haben. Vor Jahresfrist hatte noch der ausgeschlossene Parteipräsident die Rede seiner Tochter gestört.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Diesmal gab der Neofaschist Jean-Marie Le Pen, für den Auschwitz ein „Detail“ bleibt, vor der Statue der heiligen französischen Jungfrau eine Wahlempfehlung ab für seine abwesende Tochter, die mit ihrer Erklärung zur Judenrazzia im Pariser Radstadion-Vél’d’hiv bewiesen hatte, dass es ihr mit der Entdämonisierung wohl doch nicht ganz so ernst war: „Sie ist nicht Jeanne d’Arc“, räumte Jean-Marie Le Pen ein, „aber sie liebt sie.“ Emmanuel Macron hatte der Nationalheiligen schon zuvor eine Liebeserklärung gemacht.

          Der republikanische Reflex lahmt

          „Das Licht bleibt an“, schwärmte Peter Sloterdijk nach Macrons Sieg im ersten Wahlgang. Zur Erklärung des Phänomens verwendete er „einen Begriff, der bisher im politischen Vokabular unbekannt war: jenen der ,Erscheinung‘. Es gab Jeanne d’Arc, es gab de Gaulle, und jetzt gibt es Macron.“

          Wie ein Messias aus der Mitte war der tatsächlich „erschienen“ und hatte das Ende der alten Welt von links und rechts prophezeit. Das Erdbeben des ersten Wahlgangs hinterlässt zunächst lauter Ruinen. Die beiden gemäßigten Parteien wurden von den Extremen an ihren Rändern aus dem Rennen geworfen. Nach drei Jahrzehnten Antitotalitarismus triumphierten eine Linke, die von der Überwindung des Marxismus unberührt blieb, und eine extreme Rechte, als hätte eine Bewältigung von Vichy nie stattgefunden. An dieser ideologischen Demarkationslinie schieden sich auch die Geister bezüglich Europas: Mit der selbstkritischen Distanzierung von den Rändern wuchs links wie rechts die Bereitschaft, die nationale Souveränität zu teilen.

          Dass im Gegensatz zu 2002, als Le Pen senior in die Stichwahl kam, der „republikanische Reflex“ lahmt, hat mit seinen Abnutzungserscheinungen zu tun: Zu sehr hat die regierende Linke den „Antifaschismus“ missbraucht. Den Verzicht auf ihre Dogmen kompensierte sie mit ihrem Anspruch, ganz allein für Moral und Menschenrechte zu stehen. Es ist gewiss nicht schlecht, wenn diese Stichwahl nicht allzu sehr zur Frage von Gut gegen Böse, von Gott und Teufel stilisiert wird. Doch die Affinitäten der Roten und der Braunen sind beängstigend. Auch für sie weisen die Präzedenzen nach Vichy.

          Aber vielleicht setzt dieser Wahlkampf gerade mit diesem letzten Tabu einen Schlusspunkt hinter das französische Vergangenheits-Schlamassel und permanente Psychodrama. 2002 wurde mit Le Pen auch Pétain besiegt, doch mit den Résistance-Remakes der Vichy-Bewältigung ging es weiter. Für die Identitätskrise und Regression des Landes gibt es kein deutlicheres Symbol als die Karikatur der Ödipus-Konstellation für die Stichwahl: die Vatermörderin gegen den Schüler, der seine Mutter heiratete.

          Von der Résistance zur Renaissance

          Wegen seiner Kinderlosigkeit hatten die Le Pens Macron jede Berechtigung, für die Zukunft zu sprechen, abgesprochen. Mögen sie sich in ihrer Vergangenheit suhlen! Macron nutzt derweil die Chance der späten Geburt. In seiner Rede – auch am 1. Mai – formulierte er sein historisches Paradigma: von der Résistance zur Renaissance.

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          Nie wurden deutsche Schriftsteller und Philosophen von französischen Medien in einem Wahlkampf öfter bemüht als in den vergangen Wochen. Ihre aufrichtigen, aber etwas einseitigen Plädoyers für Macron erinnern an die vielen Interviews französischer Intellektueller, die, wie Emmanuel Todd oder Max Gallo, bei seiner Einführung den Euro in deutschen Medien kritisieren konnten. „Der universelle Intellektuelle ist endgültig tot“, konstatiert „Libération“: „Jedenfalls wird er in diesem Land mit seinem permanenten Theater des Aufstands nicht gehört.“

          Aber vielleicht hört es in dieser Stunde des europäischen Schicksals die Stimme Sloterdijks, der im Lichte der Aufklärung Macrons Mission und Weg aus den Ruinen zu vermitteln versteht. Vater Le Pen hat nicht Unrecht: Die zeitgenössische politische Jungfrau ist nicht Marine, sondern Macron: Die militärisch völlig unerfahrene Jeanne d’Arc hatte die Franzosen zum Sieg über die Engländer geführt; Macron holt sie nach dem Brexit zurück und rettet mit Frankreich ganz Europa.

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