https://www.faz.net/-gqz-81tzp

„Emma“ und die Pilotinnenquote : Trip der Gerechten

  • -Aktualisiert am

Und wenn mehr Frauen fliegen wird alles gut? Pilotinnen der Royal Air Force. Bild: Ullstein

Nachdem die „Emma“ eine Quote für Pilotinnen forderte, knallte es im Netz. Ein Protokoll, ein Drama.

          4 Min.

          Folgendes ist passiert: Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine veröffentlichte das feministische Magazin „Emma“ auf seiner Website eine Glosse der Linguistin Luise Pusch und nannte sie kurzerhand einen Kommentar. In dem Text fordert Pusch eine Frauenquote für Pilotinnen und begründet ihre Forderung damit, dass die Selbstmordrate bei Männern viermal so hoch sei wie bei Frauen, auch seien es nahezu ausschließlich Männer, die auf „Amoktrips“ Menschen töteten. Daraus schlussfolgerte Pusch: Mehr Pilotinnen in deutschen Cockpits, und die Sache wäre gewissermaßen geritzt. Überdies sei die Pilotinnen-Quote ohnehin längst überfällig.

          Neben dem fragwürdigen Vorstoß war der Text in einer komischen Beiläufigkeit („Höchste Zeit ist es allemal“) verfasst und behauptete außerdem, etwas genau zu wissen, was man zu jenem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte und bis zur Fertigstellung dieses Textes noch nicht sicher wusste, nämlich, dass der Pilot der Germanwings-Maschine nachweislich auf einem „Amoktrip“ gewesen sei. Der unbekümmerte Ton, dass der Text zielgenau auf die Quotenforderung hinauslief, ohne zu fragen, was denn eigentlich die Ursachen für diese männliche Selbstmord- und Amok-Tendenz sind und natürlich auch die in der deutschen Bevölkerung weit verbreiteten Ressentiments sowohl gegen „Emma“ als auch gegen „den Feminismus“ – all das sorgte für überhaupt keine Überraschung. Die Menschen flippten also an ihren Tastaturen zuverlässig aus und tippten hasserfüllte Sätze ins Internet.

          Wenn sich Feministinnen gegenseitig zerfleischen

          Und genauso reflexhaft handelnd steht man dann vor der Diskussion und möchte sich die Augen zuhalten. Weil die herabsetzenden Postings ekelhaft sind, man damit überhaupt nichts zu tun haben möchte, weil die „Emma“ es wieder einmal schafft, eine Diskussion so bescheuert anzufangen, dass alles, was daran wichtig ist, vom Hass aufgefressen wird und weil sie einfach nicht damit aufhört, so zu sein, so borniert, ignorant und selbstgefällig. Weil man nicht Teil einer feministischen Diskussion sein möchte, in der sich die beteiligten Frauen zuverlässig gegenseitig zerfleischen. Weil man all diese Gedankenschleifen schon kennt – und so ist es auch dieses Mal: Man wägt ab, ob es nun besser ist, die Klappe zu halten, und sieht, was passiert, also die geschmacklosen Kommentare, den Diskussionsverlauf, der bei der Frage nach einer Frauenquote für Pilotinnen begann, bis es dann darum ging, ob Männer oder Frauen gewalttätiger seien, was schließlich in der ganz grundsätzlichen Frage mündete, wer denn nun eigentlich besser sei, Männer oder Frauen, beziehungsweise warum Feminismus denn eigentlich so scheiße sei.

          Tatsächlich konnte man bei der Lektüre von Puschs Text, genauso wie bei den in den darauffolgenden Tagen veröffentlichten Texten zum Thema von Alice Schwarzer und Chantal Louis, den Eindruck gewinnen, es gehe hier vor allem darum, klarzustellen, dass Männer a) sich häufiger umbrächten, b) nahezu ausschließlich für Amokläufe verantwortlich seien und also c) warum Männer so viel Gewalt ausübten (zu Hause, im Cockpit, grundsätzlich halt). Während Pusch überhaupt nicht nach Ursachen sucht, ist dieser Versuch bei Louis und Schwarzer wenigstens in Ansätzen zu erkennen. Die Gründe dafür, dass „Amoktrips“ (meine Güte, dieses Wort, es hat etwas Banalisierendes, man kann auf einem Motorrad-, einem Drogen- oder Selbstfindungstrip sein, aber doch nicht auf einem Amoktrip, und ich werde den Eindruck nicht los, als gehe es hier um die Dämonisierung von Männern zu egoistischen Arschlöchern, die allein dazu fähig sind, auf einem „Amoktrip“ zu sein) – die Gründe für die sogenannten Amoktrips, schreibt Schwarzer also, könnten mit einem „vermeintlichen ,Versagen‘ bei der Männerrolle“ zu tun haben. „Zum Beispiel ein Familienvater verliert seine Stelle.“ Weiter könne ein Amoklauf oder Flug etwas mit gekränkter „Männerehre“ zu tun haben. Oder, klar, mit dem Konsum von Gewalt- und Pornofilmen.

          Die Ordnung bedroht nicht nur Männer, sondern alle

          Warum aber wird hier an keiner Stelle gefragt, was denn das ist, diese „Männerrolle“? Und ob sie es nicht vielleicht ist, die Männer Amok laufen lässt, was doch, befasst man sich mit den Imperativen, die von dem gegenwärtig angesagten Männerbild ausgehen, komplett nachvollziehbar ist. Und damit meine ich natürlich nicht, du armer Mann, ich kann dich verstehen, go for it. Ich meine, dass es normal ist, dass Menschen durchdrehen, wenn sie ausschließlich nach Funktionsfähigkeit, Stärke, Leistungsbereitschaft und Geld beurteilt werden. Was direkt zu der Verfasstheit unserer Wirtschaftsordnung führt, zu der Art, wie Arbeit organisiert und ihr das Leben untergeordnet wird. Dieser Aspekt fehlt bei den drei „Emma“-Autorinnen ganz, und man kann wohl keiner von ihnen unterstellen, dass ihr Kopf es ihnen nicht erlaube, darüber nachzudenken. Sie tun es einfach nicht, weil auf ihrer Agenda nun mal Frauen stehen und nicht Männer (was übrigens echt egoistisch ist).

          Nun ist es so, dass Pusch eine Frauenquote für Pilotinnen fordert, was, betrachtet man die nach dem Absturz veröffentlichten Berichte über die Arbeitsbedingungen von Piloten, auch ein bisschen lustig ist und auf einen grundsätzlichen „Emma“-Wirtschafts-Feminismus-Denkfehler hinweist. So: Hauptsache, die Frauen fliegen Flugzeuge, ganz egal, ob sie wegen Stress und Leistungsdruck durchdrehen. Das Gute an ihnen ist doch, dass sie, anders als Männer, Frustrationen und Aggressionen (darauf weist Louis in ihrem Text hin) eher nach innen als nach außen richten. Das stimmt natürlich, denn Frauen neigen in solchen Situationen eher dazu, sich die Haut aufzuschlitzen. Puh, Problem gelöst.

          Was natürlich nicht stimmt. Denn der Wirtschafts-Feminismus-Denkfehler dient vor allem, ja, exakt: der Wirtschaft, Angela Merkel, dem Wachstum. Und die Ordnung, in der wir leben, bedroht nicht nur Männer, sie bedroht alle. Und es ist die bekloppteste Idee seit der Erfindung des Feminismus, dass die Welt dann gerecht sei, wenn alle gleich behandelt werden. Dann nämlich wird es richtig ungerecht. Es gibt Themen, über die man ohne die Mann-Frau-Opposition nicht nachdenken kann (Erziehung, Sexismus, Eltern und Arbeit), aber es gibt auch Angelegenheiten, da sollte man dazu in der Lage sein, auf diese Opposition zu verzichten, andernfalls wird man kleinlich und menschenunfreundlich.

          Weitere Themen

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Die hohe Kunst auf dem schmalen Balken

          Turn-WM in Japan : Die hohe Kunst auf dem schmalen Balken

          Turnerin Pauline Schäfer-Betz lässt Schweres leicht aussehen. In Japan konzentriert sie sich ganz auf sich – und gewinnt Silber bei der WM. Dabei muss sie weiterhin mit offenen Anfeindungen leben.

          Topmeldungen

          Grund zur Freude: Franziska Giffey, Olaf Scholz und Manuela Schwesig am Morgen nach dem Wahlsonntag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

          Regierungsbildung : Deutschland rückt nach links

          In Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin ist die Linke der bevorzugte Koalitionspartner, im Bundestag sitzen jetzt lauter Jusos. Auch die Grünen-Fraktion ist jünger und linker geworden. Was folgt daraus?
          Moldaus Hauptstadt Chisinau im Oktober.

          Energiekrise in Moldau : Gazproms Gunst der teuren Stunde

          Das kleine Land ruft den Notstand aus, um sich auf dem internationalen Gasmarkt versorgen zu können. Der Vertrag mit Gazprom ist ausgelaufen. Nutzt Moskau die Lage, um politischen Druck aufzubauen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.