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Selbstwahrnehmung : Alter!

  • -Aktualisiert am

Als Senior diskriminiert: Emile Ratelband, nach eigener Wahrnehmung höchstens 49 Jahre alt. Bild: AP

Ein Mann möchte zwanzig Jahre jünger sein. Gut, das geht einigen so. Doch der Niederländer macht ernst und geht vor Gericht.

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          Erkenne dich selbst!“, mahnte die alten Griechen die Inschrift auf dem Apollotempel von Delphi und verbreitete damit nicht nur die Weisheit, dass wir wissen, wer uns potentiell narzisstisch aus dem Spiegel entgegenstarrt (das wissen, wie man inzwischen weiß, auch Schimpansen), sondern dass wir begreifen, wie begrenzt unser Dasein ist. Wir sind eben keine Götter. Zugegeben, das ist reichlich unbefriedigend. Nicht eingesperrt zwischen Geburt und Tod, haben die Unsterblichen überdies allerlei schicke Verwandlungstricks drauf: Heute ein Schwan, und schon liegen einem die schönsten Frauen zu Füßen, sollten die Flossen auch noch so platt sein.

          Wie ein „junger Gott“ fühlt sich nach eigener Aussage auch ein 69 Jahre alter Niederländer, der amtlich machen will, dass er eigentlich erst 49 ist. Emile Ratelband, seines Zeichens „positivity guru“, also profaner Priester unseres ewig jungen Selbstoptimierungskults, hat bei einem Gericht in Arnheim Klage eingereicht. Er will sein Geburtsdatum vom 11. März 1949 auf den 11. März 1969 verlegen. Weil er sich entsprechend fühle und sein biologisches Alter von Ärzten auf 45 Lenze geschätzt werde.

          Weg vom Diktat der Biologie

          Mag sein, doch optisch, geben wir zu bedenken, hätten wir den graumelierten Herrn durchaus in der Generation sechzig plus verortet. Egal, Herrn Ratelband, der mit Mitte vierzig – oder Mitte zwanzig? – Motivationsbücher mit Ausrufezeichen publizierte wie „Tsjakkaa!“ und „Der Feuerläufer. So schaffst du, was immer du willst!“, geht es ums Selbstbild. Warum, fragt er, dürfen andere ihren Namen ändern und ihr Geschlecht oder Transgender werden, er aber nicht sein Alter nach eigener Selbstwahrnehmung festlegen? Es gehe um Identität.

          Da hat er recht, der Trend geht weg vom Diktat der Biologie; Transhumanisten wollen den Tod abschaffen, und in Amerika tobt der ideologische Streit um Sex und Gender. Den wird auch Trump nicht schlichten, der, wie die „New York Times“ schreibt, den Verfassungszusatz rückbauen will, der Transgender-Menschen Klagerechte gegen Diskriminierung eröffnet. Ratelband geht es indes nicht um Universalien, sondern um Konkretes. Er fühlt sich als Senior diskriminiert. Zum Beispiel auf Dating-Apps. Was sich da für Möglichkeiten eröffneten, wäre er ein rasanter Forty-Something! Wir wünschen viel Erfolg – und dass er die Richtige findet. Eine hinreißende Neunundzwanzigjährige etwa, Jahrgang 1928.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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