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EM-Berichterstattung : Die Herren des Weltbilds

Zentraler Blick auf das Spielgeschehen: die Uefa will bei der EM der allwissende Erzähler sein
          6 Min.

          So wie die Milch aus der Kuh und der Strom aus der Steckdose kommt, so kommt das Fußballbild aus dem Fernseher, und wenn am Freitag die Europameisterschaft beginnt, dann greift jeder zur Fernbedienung und guckt zu, während die deutschen Sender ARD und ZDF sich wie im Quotenparadies fühlen. Aber wie bei der Herkunft von Milch und Strom hat dieses, um es mal mit Luhmann zu sagen, generalisierte Systemvertrauen seine Tücken und Abgründe. Was wir sehen, wenn wir im Fernsehen live ein Fußballspiel sehen, das ist ja nicht die schlichte Echtzeit-Dokumentation, die zeigt, was man auch als Zuschauer im Stadion erleben könnte.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
          Peter Körte
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ist eine Inszenierung, für die sich über die Jahre internationale Konventionen entwickelt haben und für die ein immer größerer technischer Aufwand getrieben wird. Dieser Aufwand hat das Spiel selbst nicht unberührt gelassen. Im Fernsehen bekommt ein Match leicht eine andere Dramaturgie, weil sich durch Perspektivwechsel und Schnitte der Bildregie Tempo simulieren und Emotionen schüren lassen, wo es im Stadion eher zäh zugeht.

          Nach eigenem Recht

          Die technische Aufrüstung und die Aufblähung der Übertragungszeit durch lange Vor-, Nachberichterstattung und Werbeblöcke, all das hat natürlich zu tun mit der gnadenlosen Kommerzialisierung des Fußballs, gegen die sich mehr und mehr der Unmut vieler Fans richtet. Und dass sich mit gesteigerter Eventförmigkeit und Werbemarktanpassung von Europa- und Weltmeisterschaften eine öffentliche Resonanz erzielen lässt wie bei kaum einem anderen Ereignis, steigert noch die Begehrlichkeit der Vermarkter. Was man angesichts des öffentlichen Interesses gerne vergisst, das ist die Tatsache, dass es sich bei dem Turnier, das einmal Europameisterschaft hieß, um eine reine Privatveranstaltung der Uefa handelt, und zwar weit über den Spielfeldrand hinaus. Vom Logo bis zur öffentlichen Ausstrahlung der Spiele, von der Stadionwurst bis zum Fanmeilenbier reicht das Regime des Verbands - oder zumindest sein Kontrollwille.

          So hat die Uefa sogar ein eigenes Reglement herausgegeben, in dem die Bedingungen für Public-Viewing-Veranstaltungen festgelegt werden, als wären ihre eigenen Statuten die Grundlage und nicht das jeweilige nationale Recht. „Alle Vorführungen von Spielen der UEFA EURO 2012 außerhalb von häuslichen Umgebungen (Ihrem Zuhause) werden als Public Screening eingestuft“, heißt es darin. „Sie sind verpflichtet, eine Public Screening Lizenz zu erwerben, um ein Public Screening zu veranstalten.“ Weil dieser Anspruch, zumindest in Deutschland, von keinem Recht gedeckt ist, verzichtet der Verband in der Praxis großzügig auf diese Lizenzpflicht - solange die Leinwanddiagonale kleiner als drei Meter ist, weniger als 150 Leute zuschauen und die Veranstaltung weder von Sponsoren noch von Eintrittsgeldern finanziert wird.

          Es darf gejubelt werden

          Mit großzügiger Geste Rechte einzuräumen, die sich von selbst verstehen, das ist überhaupt eine beliebte Methode der Uefa. Das Reglement zur Euro 2012 etwa schreibt nicht nur vor, wo, wann und wie lange Interviews mit Spielern geführt werden dürfen, sondern versucht im Rahmen der Fairplay-Bewertung auch noch Einfluss auf das Fanverhalten zu nehmen. „Das Publikum wird als wesentlicher Bestandteil eines Fußballspiels betrachtet“, heißt es dort. Und, immerhin: „Es wird nicht von den Fans verlangt, das Spiel stillschweigend anzuschauen. Wenn die Mannschaften durch Zurufe, Singen usw. angefeuert werden, kann dies die Stimmung im Geiste des Fairplay positiv beeinflussen.“

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