https://www.faz.net/-gqz-cjg

Elisabeth II. in Irland : Der Besuch der alten Dame

  • -Aktualisiert am

Eine muntere fünfundachtzigjährige Dame mit komischem Hut: Königin Elisabeth II. in Dublin Bild: dpa

Jetzt ist der Konflikt zwischen Irland und England wirklich vorbei: Selbst irische Nationalisten konnten der königlichen Staatsvisite nichts anhaben. Es war einfach die Zeit gekommen, aus einem Albtraum der Geschichte zu erwachen.

          Für viele Iren wurde die Bedeutung des Staatsbesuchs von Königin Elisabeth durch den Tod Garret FitzGeralds auf besondere Weise unterstrichen. Der frühere Premierminister und Parteivorsitzende von Fine Gael, der am vergangenen Donnerstag starb, war einer unserer wenigen Staatsmänner von internationalem Format und ein Ausnahmepolitiker, der mit seiner Redlichkeit und Warmherzigkeit und zumal mit seinen persönlichen Eigenheiten große Sympathien genoss.

          Es war Garret FitzGerald, der Margaret Thatcher 1985 dazu brachte, trotz ihrer Bedenken das anglo-irische Abkommen zu unterzeichnen, ein Fundament des Friedensprozesses in Nordirland. Dass dieser Mann am Tag nach der historischen Ansprache der Queen in Schloss Dublin starb, war eine dramaturgische Ironie, vor der jeder Bühnenautor zurückgeschreckt wäre.

          Eine etwas absurde Figur

          Der Staatsbesuch selbst war fast wie eine Halluzination. Seit Monaten wussten wir, dass Königin Elisabeth kommen würde, doch als sie dann tatsächlich da war, schien alles ganz unwirklich. Wer von meiner Generation hätte es für möglich gehalten, dass wir den Tag erleben, an dem die Königin von England im Garten der Erinnerung einen Kranz niederlegt, an dem Ort, der dem Gedenken an die Männer und Frauen gewidmet ist, die gegen das britische Empire gekämpft haben. Als sich die Queen beim Staatsbankett am Mittwochabend zu ihrer ganzen zierlichen Größe erhob und ihre Rede mit dem Wort „a chairde“ (irisch für „Freunde“) begann, musste noch dem hartnäckigsten Skeptiker klargeworden sein, dass der jahrhundertelange Konflikt zwischen unseren beiden Ländern beendet ist.

          Aber nein, die hartnäckigsten Skeptiker unter den Nationalisten hatten nichts begriffen und wenn doch, wollten sie es jedenfalls nicht zugeben. Sinn Fein, zu deren Führung ehemalige IRA-Killer gehören, hatte mit ihrer Kritik am Staatsbesuch wieder einmal die öffentliche Meinung unterschätzt. Es ist zu hoffen, dass die Partei bei künftigen Wahlen für diesen Fehler die Quittung erhält. Und die sogenannte Real IRA, der frustrierte und hochgefährliche Ableger der Terrororganisation, die über drei Jahrzehnte Stammeskrieg in Nordirland führte, bezeichnete den Staatsbesuch als „endgültige Beleidigung“ und schwor, ihre Gewaltkampagne mit dem Ziel „Briten raus“ fortzusetzen - dem Schlachtruf der Terroristen gegen die unionistische Bevölkerung im Norden.

          Doch selbst die Neandertaler, wie die unbelehrbaren Nationalisten genannt werden, konnten diesem außergewöhnlichen Staatsbesuch nichts anhaben. Jahrzehntelang hatten die Iren in Königin Elisabeth stets die etwas absurde Figur gesehen, von der in der Boulevardpresse zu lesen war - die anachronistische Regentin, die sogar von ihrem eigenen Volk verspottet und verunglimpft wird, den Hausdrachen, der sich eigensüchtig an den Thron klammert und nicht willens ist, das Zepter dem alternden Sohn zu übergeben, die böse Schwiegermutter, die Prinzessin Diana das Leben zur Hölle machte und vielleicht sogar ein wenig Mitschuld an ihrem Tod trug.

          Alles wird gut

          Doch die Begegnung mit dem realen Menschen war, wie immer, eine Überraschung. Wer hätte so viel Wärme und Großzügigkeit bei einer Frau vermutet, die, wie wir glaubten, nach einem langen Leben inmitten der Insignien von Macht, Reichtum und ritualisiertem Pomp kaum noch menschliche Züge haben konnte. Für ein träges Volk wie das unsere mochten die Energie dieser kleinen alten Dame, ihre eiserne Zähigkeit, ihre scheinbare Härte darauf hinweisen, dass Vornehmheit kein völlig überholter Begriff ist.

          Gewiss spielte die Symbolik eine große Rolle, zumal für die Iren, denen Symbole so viel bedeuten, doch es war der Aspekt der Normalisierung, von dem wohl die dauerhafteste Wirkung dieses Besuchs ausgehen wird. „Wir haben das Herz mit Phantasien ernährt“, schrieb Yeats, „und von dieser Kost ist das Herz brutal geworden.“ Lange Zeit war England für uns die böse Hexe, die uns einsperrte und schurigelte und in übler Leibeigenschaft hielt. Es war mehr als nur eine Phantasie - über Jahrhunderte haben die Engländer schlimme Dinge hierzulande getan -, doch nun war die Zeit gekommen, aus diesem Albtraum der Geschichte zu erwachen. Und wer konnte uns besser aufwecken als eine muntere fünfundachtzigjährige Dame in grünem Mantel und mit komischem Hut, die so mütterlich wirkte, uns freundlich zulächelte und uns sagte, dass trotz konfliktbeladener Vergangenheit und Gegenwart doch noch alles gut wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausnahmezustand in Straßburg

          Französische Gefährder-Datei : Attentate trotz „Vermerk S“

          Wie der mutmaßliche Angreifer von Straßburg waren auch die Attentäter von „Charlie Hebdo“ oder vom Bataclan in der französischen Sicherheitsdatei „fichier S“ als Gefährder vermerkt. Anschläge konnten sie trotzdem verüben – trotz verdeckter Überwachung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.