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Elfriede Jelineks PEN-Kritik : Sommerpause heißt Protestpause

„Ich höre nichts vom Internationalen PEN“ in Sachen Türkei, schrieb die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek vergangene Woche. Sie scheint nicht ganz unrecht zu haben. Bild: dpa

Reagiert die Autorenvereinigung PEN zu zurückhaltend auf die türkischen Säuberungen? Der Kritik von Elfriede Jelinek wurde nun entgegnet – zurückhaltend.

          Es ist eine ungewöhnliche Pressemitteilung, die die deutsche Sektion der internationalen Autorenvereinigung PEN jetzt formuliert hat. Der erste Satz lautet: „Der deutsche PEN weist die Kritik von Elfriede Jelinek an der Untätigkeit der Autorenverbände zurück und bekräftigt seine Forderungen an die Türkei.“ Der Rest der Erklärung trägt die erschreckenden Zahlen von Festnahmen, Verboten und Suspendierungen in der Türkei nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15.Juli zusammen – offiziell fast 26.000 Inhaftierte, mehr als 74.500 eingezogene Reisepässe, 60.000 Suspendierungen von Staatsbediensteten, 20.000 entzogene Lehrbefugnisse von Privatlehrern, 1500 erzwungene Rücktritte von Hochschuldekanen, 132 geschlossene Medienunternehmen.

          Und formuliert dann die Forderung an die türkische Regierung, alle wegen ihrer Gesinnung Gefangengenommenen, die am Militärputsch nicht beteiligt waren, freizulassen, Folterungen einzustellen und dem Recht auf freie Meinungsäußerung unbeschränkte Gültigkeit einzuräumen. Konkret verurteilt der deutsche PEN „mit aller Schärfe die Verfolgung unserer Kolleginnen und Kollegen in der Türkei“. Aktuell seien dort mindestens zweiundsechzig Journalisten und Schriftsteller wegen missliebiger Äußerungen inhaftiert.

          „Sommerpause“

          Kein Wort allerdings mehr zur anfangs erwähnten Kritik der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin. Sie hatte am vergangenen Donnerstag in der Wiener Tageszeitung „Der Standard“ einen Artikel publiziert, in dem sie die türkischen Repressionen anprangerte, aber auch Kritik an den westlichen Reaktionen übte: „Ich höre nichts von meinen Vereinigungen. Vielleicht stecken sie derzeit ja im Gefängnis ihrer Badehosen oder Bikinis an irgendeinem Strand fest.“ Nun ist Elfriede Jelinek gar nicht Mitglied des deutschen oder österreichischen PEN, aber der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Josef Haslinger, fühlte sich angesprochen und antwortete ihr in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk: „Ich würde gerne in der Badehose feststecken, aber das geht leider nicht“.

          Jeden zweiten oder dritten Tag erfolge seitens des Internationalen PEN ein Update über den neuesten Stand der Dinge in der Türkei. Auf der Homepage der österreichischen Sektion allerdings steht ein Update, das mindestens zwei Wochen alt ist. Und darüber steht der Satz: „Wir machen Sommerpause und stehen Ihnen ab 5. September wieder zur Verfügung.“ So unrecht scheint Elfriede Jelinek also nicht zu haben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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