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Elfriede Jelinek : Der Nobelpreis muß an mir vorüberziehen

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Elfriede Jelinek Bild: APA

Das erste große Interview mit der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nach Bekanntgabe der Stockholmer Entscheidung, Teil zwei.

          6 Min.

          Das erste große Interview mit der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nach Bekanntgabe der Stockholmer Entscheidung, Teil zwei:

          Die starke, alles dominierende Mutter, die Sie beschrieben haben, ist die nicht schlimmer, als jeder Mann, als jeder Vater sein könnte?

          Ja, aber sie ist deshalb schlimm, weil der Vater existiert, weil ihr diese Macht nach innen gegeben ist, das Kind jetzt zu erdrücken, aber auch den Mann zu quälen, und wäre es mit schlechtem Essen. Alles geht nach innen, weil es ihr nach außen nicht erlaubt ist. Meine Mutter war dafür sicher ein gutes Beispiel. Sie war eigentlich eine Managerin, mit den Russen hat sie nach dem Krieg über Reparationen verhandelt. Das war eigentlich keine Mutter, sondern eine Geschäftsfrau, mathematisch sehr begabt. Sie hatte halt eins der Schicksale, wo das unbedankt und unbelohnt geblieben ist und sie wieder an den Herd zurück mußte, als die Männer aus dem Krieg kamen und die Jobs wieder übernahmen. Die schwarze Serie in Hollywood, wenn wir schon beim Film sind, spiegelt das ja im symbolischen Raum wider, daß die Frauen, die Überschreitungen begehen, eben bestraft werden, diese ganzen dunklen, schönen, gefährlichen Frauen.

          Wären Sie beleidigt, wenn man Sie als eine Tochter Sigmund Freuds bezeichnete?

          Ja! Ich bin doch höchstens seine Enkelin oder Urenkelin. Für mich ist Freud, neben Nietzsche, der größte Stilist deutscher Sprache. Ich kann seiner Penisneid-Theorie zwar nicht folgen und auch nicht seiner Kulturtheorie, die ja besagt, daß die Frau, da sie kein starkes Über-Ich entwickeln kann, auch nicht zu sublimieren braucht, also keine bedeutende Kunst hervorbringen kann. Aber zum Beispiel in „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ und anderen Texten ist er für mich ein unerreichbarer Schriftsteller. In meiner eigenen kleinen Privattheorie kommt die Penisneid-Theorie Freuds ja von seiner eigenen verdrängten Homosexualität her. Der verbotene Penis des anderen ist das, was nicht er selbst sich ersehnt; denn das darf er ja nicht einmal vor sich selbst zugeben. Sondern er muß dieses Begehren auf die Frau projizieren, die sich ewig nach dem Penis sehnen muß, da sie selbst keinen hat.

          Ist da für die Frauen kein Ausweichen, kein Entkommen?

          Ich sehe keines. In meinen Versuchsanordnungen schon gar nicht. Da gilt es nur, die Dinge aufzuzeigen.

          Aber hat sich denn gar nichts geändert im Geschlechterverhältnis der letzten dreißig Jahre?

          Es hat sich, würde ich sagen, graduell geändert. Gut, es gibt Condoleezza Rice, die letztlich männlicher ist, als Bush das je sein könnte. Aber das sind nur punktuelle Änderungen, und Anzeichen für eine grundsätzliche Änderung sehe ich nicht, in globaler Sicht schon gar nicht. Im fundamentalistischen Islam werden die Frauen schlimmer als Tiere gehalten; denn Tiere sind was wert, Frauen nicht. Global darf man das gar nicht betrachten, sonst wird man auf der Stelle verrückt. Für die Frauen in Afghanistan hat man den Krieg ja nicht geführt, obwohl das eigentlich, ich bin ja keine Pazifistin, angebracht gewesen wäre.

          Wollen Sie mit Ihren Büchern etwas verändern? Oder ist das nur Beschreibungswut?

          Das ist schon Beschreibungswut. Und es hat auch etwas Unveränderbares, so wie ich das beschreibe. Ich schreibe das in sarkastischer Brechung. Ich würde sagen, das geht über die Ironie hinaus und in den Sarkasmus hinein, der ja wesentlich aggressiver ist. Das ist halt die Methode der Satire, der Verzerrung. Man wirft Schlaglichter auf die Dinge. Direkt politische Literatur ist es nicht. Wenn ich eine sozialistische Autorin wäre, würde ich an die geschichtsbildende Kraft der Arbeiterklasse glauben. Aber das habe ich ja nie gekonnt, zu keiner Zeit.

          Auch nicht, als Sie in der KPÖ waren?

          Nein. Ich war schon ein paar Jahre lang in der kommunistischen Partei. Aber das war so, weil die österreichische Gesellschaft so rechts ist, daß ich mir gedacht habe, es müssen ja wenigstens ein paar auf die andere Seite rüberrennen, damit das Boot nicht kippt. Aber es ist niemand mitgerannt.

          Spielen Ihre politischen Überlegungen von damals heute noch eine Rolle für Sie?

          Es war vollkommen sinnlos und ist längst abgeschlossen. Ich glaube, daß Österreich überhaupt für mich jetzt abgeschlossen ist. An Österreich habe ich mich abgearbeitet, das ist gegessen, obwohl es vielleicht eher mich gegessen hat. Das werden wir ja sehen. Die Pflicht habe ich also hinter mir. Diese Pflicht, nicht zuletzt meiner Familie gegenüber, habe ich erfüllt, denke ich. Jetzt folge ich meiner Neigung. Ich möchte einmal wissen, wie es ist, einfach nur zum Vergnügen zu schreiben. Jetzt kann ich ja, da ich Geld habe, schreiben, was mir Spaß macht. Ich weiß gar nicht, wie das ist. Es ist ja auch ein wahnsinniger Druck, schreiben zu müssen. Es ist, als ob man ständig kotzen müßte. Man will gar nicht, aber man muß. Und jetzt bin ich gespannt, ob sich daran etwas ändert. „Die Kinder der Toten“ würde ich gerne weiterführen, weil ich glaube, daß die Gespenstergeschichte, also das Unheimliche, mein Genre ist. Aber nicht mehr mit dieser Verzweiflung, dieser ständigen Geschichtsverlogenheit befrachtet, sondern fabulierender, also eher wie in den Gothic Novels der angelsächsischen Tradition.

          Lesen Sie viele Krimis und Gothic Novels?

          Ich lese hauptsächlich Krimis. Eigentlich interessieren mich am meisten zwei Dinge: Krimis und Mode.

          Sie haben viel übersetzt, unter anderem Thomas Pynchons „Die Enden der Parabel“. Was bedeutet das Übersetzen für Sie?

          Das ist ein hartes Leben. Ich bin jetzt fast sechzig, und ich mußte immer wieder übersetzen. Von meinen Büchern allein kann ich nicht leben, und was Übersetzer verdienen, ist ja ein Witz.

          Dann übersetzen Sie nicht gerne?

          Doch, sehr gern sogar, aber Pynchon würde ich nicht noch einmal übersetzen. Nicht, daß ich ihn nicht genial fände. Es ist ein Witz, daß er den Nobelpreis nicht hat, und ich habe ihn. Ich halte Pynchon für einen der bedeutendsten lebenden Schriftsteller, weit vor Philip Roth übrigens. Ich kann doch den Nobelpreis nicht kriegen, wenn Pynchon ihn nicht hat! Das ist gegen die Naturgesetze. Ich wünsche, das festgehalten zu haben.

          Wie fühlen Sie sich in der Gesellschaft der anderen Nobelpreisträger?

          Man hat mir ein Büchlein geschickt mit ihrer Liste darin. Das ist viel zu groß für mich. Ich lebe wirklich vollkommen wie eine Einsiedlerin. Und wenn ich mit meinem Mann in München bin, leben wir wie zwei Einsiedler, im Doppeleinsiedlerhaushalt. Ich würde meine persönliche Anwesenheit in Stockholm gar nicht verkraften. Ich würde sterben. Wenn die Türen zugingen in diesem Raum mit den vielen Menschen, würde ich tot umfallen.

          Wir würden mit Ihnen gehen.

          Ich habe etliche Psychiater, sogar in meiner Familie, die mir das auch schon angeboten haben. Aber ich kann schon die Vorstellung, in einen Raum zu gehen, in dem ich mit so vielen bedeutenden Menschen eingeschlossen bin, nicht ertragen. Insofern hat groteskerweise die Person den Preis bekommen, die ihn sich am wenigsten gewünscht hat. Ich freue mich natürlich. Ich bin nicht undankbar, ich fühle mich wahnsinnig geehrt, aber es ist alles zu groß, zuviel für jemanden wie mich.

          Wie hat denn die Akademie auf Ihre Absage zur Verleihung reagiert?

          Sehr verständnisvoll. Andere sind ja auch nicht angereist. Sie waren krank, oder die Ehefrau ist gestorben. Solschenizyn hatte Angst, nicht mehr zurückzukönnen. Das sind alles gute Gründe, und ich meine, auch eine psychische Krankheit ist ein Grund, nicht nach Stockholm reisen zu können. Ich denke mir, daß ich damit wenigstens für psychisch Kranke etwas tun kann, indem ich das ins Bewußtsein rufe. Dann hat es vielleicht einen allgemein pädagogischen Sinn gehabt.

          Wie bekommen Sie denn Ihre Urkunde?

          Die sehr nette schwedische Botschafterin wird sie mir wahrscheinlich übergeben. Ich glaube, sie würde sogar zu mir kommen. Sie war schon hier, sie war eine der ersten Gratulanten, ich hatte kaum Sitzgelegenheiten. Mein Haus ist ja eine Arbeitswohnung, wo maximal drei Leute sitzen können, der vierte müßte sich schon einen Klappstuhl holen. Ich habe schon einen Eßtisch, aber ich gebe keine Essen und kann auch gar nicht kochen. Die Leute müssen es sich mitbringen, wenn sie etwas Gutes wollen, und schieben es dann in meinen Backofen.

          Waren Sie allein, als der Ansturm der Gratulanten ausbrach?

          In meiner Verzweiflung habe ich einen Freund angerufen und gesagt, du mußt sofort kommen, ich stehe das nicht durch. Er ist gekommen und mußte Telefondienst machen. Als dann am Abend Ruhe war, haben wir uns eine Pizza vom Italiener an der Ecke geteilt. Wir haben nicht einmal angestoßen, nichts. So wie ich immer lebe, habe ich es auch diesmal gemacht.

          Glauben Sie denn, daß der Nobelpreis folgenlos an Ihnen vorüberziehen wird?

          Er muß an mir vorüberziehen. Anders kann ich nicht leben. Das einzige, was ich mir wünsche, ist, daß ich nach einiger Zeit mein altes Leben wiederaufnehmen kann.

          Jetzt werden Sie in Österreich von vielen Leuten umarmt, die Sie gestern noch beschimpft haben.

          Das lasse ich nicht zu, und ich habe wirklich alles getan, um diesen Leuten das einzutränken. Ich habe sofort gesagt, daß sich dieses Land mich nicht als Blume ins Knopfloch stecken kann. Das werde ich verhindern. Das geht mit mir nicht.

          Wie wollen Sie das verhindern?

          Ich denke, es läuft sich tot, wenn man kein Benzin mehr hineinschüttet, so wie ein Feuerzeug irgendwann leer ist. Wenn dann nichts mehr kommt, kann niemand etwas machen. Außerdem wird in Österreich immer der Skifahrer Hermann Maier verehrt werden, und selbst die Fußballer, die wirklich nichts zusammenbringen, nicht einmal eine EM-Qualifikation. Deshalb habe ich doch das „Sportstück“ geschrieben. Hier wird immer herrschen, was Thomas Bernhard mit dem Wort „Geistfeindlichkeit“ benannt hat. Und es wird immer der Sport der Gott sein.

          Ist das Ihrer Meinung nach in Deutschland so viel anders?

          Deutschland hat eine andere Art von Geschichte, jedenfalls die ehemalige BRD. Die Alliierten sind dort viel länger geblieben als in Österreich und haben ihren Umerziehungsauftrag wahrgenommen. Wir in Österreich sind ja lange Zeit aus der politischen Volksschule nicht herausgekommen. Uns haben sie alles geschenkt, und dafür feiern sie jetzt überall den Staatsvertrag, und wer nicht mitfeiern will, der ist ein Vaterlandsverräter.

          Westdeutschland hatte einen Augstein, der einen „Spiegel“ gründen konnte, es gibt eine vielfältige Presselandschaft mit unglaublich interessanten Debatten, ob es jetzt um das Mahnmal in Berlin geht oder um den Wohlfahrtsstaat. Österreich hat die „Kronenzeitung“, die Agentur fürs gesunde Volksempfinden, die gar keine Zeitung ist, dafür aber von der Hälfte der lesefähigen Bevölkerung gelesen wird. In Deutschland gibt es politische Philosophen, die ganz selbstverständlich in die öffentliche Debatte eingreifen, wie zum Beispiel Habermas. All das gibt es in Österreich nicht. Wir haben kaum theoretische Köpfe. Es gibt natürlich schon Leute, die sich äußern, aber wir haben nichts Vergleichbares zu bieten. Deswegen mußten die Künstler das übernehmen. Es hat ja damals kein anderer die Drecksarbeit machen wollen. Und Künstler machen das immer anarchisch. So soll es auch sein.

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