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Klangkunst im Berghain : Ein Gefühl, als würde man überfahren

So leer und hell sieht man die Halle selten: Das Berghain. Bild: Roman März

Hören statt tanzen: Die Halle im Technoclub Berghain zeigt eine eindrucksvolle Klanginstallation des Künstlerduos Tamtam. Sie weckt Zweifel, dass die Welt wieder so wird, wie sie einmal war.

          3 Min.

          Man betritt den Raum und erfährt am ganzen Körper, was einem schon so lange gefehlt hat. Der Klang in der Halle im Berghain umschließt die Hörerin, als wäre sie im inneren Kern eines großen Instruments. Der Körper verwächst mit dem Boden und gibt sich unweigerlich den Schallwellen hin, die durch alle Poren strömen. Jegliche Anspannung fällt ab. Die Bässe brummen durch die große Kesselhalle, die einst zum sozialistischen Fernheizwerk unweit des Berliner Ostbahnhofs gehörte.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Nebenan befinden sich die Clubräume des Berghains, das nun schon seit Monaten geschlossen ist. In dieser Klanginstallation wird kein Techno gespielt. Aber der körperliche Impuls ist, zu tanzen, sich mit den Klängen zu wiegen und die globale Krise für einen Augenblick zu vergessen.

          Den Künstlern Sam Auinger und Hannes Strobl, die den Klangraum eigens für die Halle am Berghain konzipiert haben, ist mit ihrer Komposition Großes gelungen. Nähert man sich den Säulen im Raum, ist es, als würde aus ihnen der Klang kommen. Für Synästhetiker, die jeden Klang als Farbe oder Form sehen, ist diese Installation ein visuelles Feuerwerk: Detailreiche Schraffuren mischen sich mit großflächigen Farbkompositionen und komplexen Figuren, die durch die raumfüllenden Töne erzeugt werden. Das Begehen ist eine körperliche Erfahrung, die wir seit Corona aufgrund der geschlossenen Tanzräume kaum noch machen können. „Es geht darum, mit den Ohren zu denken“, erklärt Sam Auinger im Gespräch. Das erzeuge ganz neue Bilder: „Der Raum wird psychotropisch.“

          Corona verändert den Klang der Welt

          Die Kunst des Künstlerduos „Tamtam“ ist keine Flucht vor der Welt. Dass sich zum Beispiel immer wieder Geräusche von der Straße in den Klang mischen, ist beabsichtigt. Die Fenster der Kesselhalle wurden freigelegt, damit Licht in den sonst dunklen Raum dringt, der bewusst nicht in jedem Winkel schalldicht sein sollte. „In dieser Komposition drückt sich unser Gefühl zur Welt aus“, sagt Auinger.

          Hört sie sich deshalb so ernst an? Die Klänge erden, aber hoffnungsfroh sind sie nicht. In einem Stück sind fahrende Autos zu hören, die sich immer mehr verdichten. Erst denkt man, die Geräusche stammten von draußen, bis man vollends mitgezogen wird von den tiefen Tonspuren, die sich immer mehr ausbreiten und, so klingt es, auf einen Abgrund zusteuern.

          Wäre es dieselbe Komposition gewesen, hätte die Welt nicht das Coronavirus befallen? „Oh, wir haben das lange vor Corona konzipiert“, sagt der vierundsechzigjährige Künstler aus Oberösterreich. Ermöglicht wurde das Vorhaben im Rahmen der Berliner Singuhr-Projekte, die Formate ortsbezogener Klangkunst initiieren und fördern. Die konkrete Ausgestaltung der Klanginstallation, die detailreich auf den Raum abgestimmt wurde, fand aber erst nach dem Lockdown statt. Natürlich sei das Erleben von Corona darin auch eingeflossen. Auinger glaubt, entscheidender für die Aussage der Kunst sei aber der Besucher selbst. „Man ist da ganz auf sich selbst zurückgeworfen“, sagt Carsten Seiffarth, Kurator der Singuhr-Projekte. Klangkunst sei nicht übertragbar. Jeder Besucher trage seine eigene Geschichte, seine eigenen Empfindungen und Interpretationen in den Raum. Sam Auinger lächelt: „Eigentlich ist die Klangkunst eine Liebeserklärung an die Authentizität des Individuums.“

          Es wird nicht wieder „normal“

          Im letzten Stück verdichtet sich der Klang so stark, dass man glaubt, man werde überfahren. Es sind nur wenige Sekunden, die plötzlich große Angst vor dem Leben und dem nahenden Tod erzeugen, und doch ist der massive Klang kaum auszuhalten – bis er abrupt abbricht.

          Vor der Halle am Berghain steht eine lange Schlange. Viele junge Menschen sind zu sehen, die vorschriftsmäßig Abstand voneinander halten und sich die Installation anhören wollen. Natürlich ist das nicht vergleichbar mit dem Massenandrang, zu dem es allwöchentlich kam, als der Technoclub noch geöffnet war. Es ist bloß eine zarte Erinnerung an eine unbeschwerte Zeit, in der niemand an eine Pandemie dachte und die Jüngeren unseren bedenkenlosen Tanz auf dem Vulkan höchstens durch die Teilnahme an Freitagsdemonstrationen gegen den Klimawandel reflektierten.

          Die Leute wollten ihr normales Leben zurück, das höre er immer wieder, sagt Sam Auinger. Aber das sei eine falsche Annahme: „Diese Normalität ist nicht mehr zu kriegen.“ Nun sei es an uns, an einen kreativen Umgang mit unserer neuen Realität zu lernen.

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