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Kolumne „Bild der Woche“ : Ein Echo aus Eis

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Emil Meerkämpers Eisblumen, entstanden um 1920 in Davos Bild: (c) als Sammlung by Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett, Basel. All rights reserved

Emil Meerkämper, ein junger Ingenieur, zog 1900 wegen seiner Lungenkrankheit nach Davos. Und begann zu fotografieren. Seine Eisblumen erzählen ein Märchen aus Schnee und Ewigkeit.

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          Der Traum von Schnee und Frost wird mit jedem Jahr größer und nostalgischer, als wären sie endgültig irgendwo in der märchenhaften Welt unserer Kindheit geblieben, als wären Eisblumen und Schnee die Kindheit selbst. Der Schnee tritt von uns weiter in die Vergangenheit zurück, zieht höher in die Berge, weiter nach Norden. Sogar ein gewöhnlicher Winterurlaub bekommt die Züge einer Pilgerfahrt Richtung Schnee. So wie man früher in dürren Jahren den Regen herbeigerufen hat, hat man in Moskau nun angefangen, den Schnee zu beschwören, wenn auch nur im Spaß und auf Facebook. Seit kurzem gibt es in Russland den hochmütigen Begriff „Euro-Winter“, womit nicht nur der schneelose europäische Winter gebrandmarkt wird, sondern unterschwellig – wenn auch ironisch – die Demokratie der lauwarmen Europäer verspottet wird. Denn: Alles schmilzt.

          Die Sehnsucht nach dem weißen Schnee, nach der Erneuerung, nach der Stille hat mich auf die Idee gebracht, statt des Fotos hier eine leere Stelle zu lassen. Vielleicht in einem schwarzen Rahmen, um die Weiß des Papiers zu entblößen, als Hommage an den nicht gefallenen Schnee, als Todesanzeige.

          Aber dann habe ich dieses Foto gefunden, das vor hundert Jahren in Davos entstanden ist. Es hat mich zurück in die Welt meiner Kindheit katapultiert. Ich habe geglaubt, hier etwas zu erkennen. Eis-Träume verderben nicht, sie frieren nur ein. Eis spricht aus der Ewigkeit.

          Ob es an einer besonderen Krümmung der Schneepflanzen lag, an der Silhouette ihrer Verzierung? An dem Fokus zwischen Erinnertem und Erträumtem? Die Farnwedel, die Astern, der Feuervogel. Wo ist hier das fotografische Punktum? Und wer ist hier der Künstler – Väterchen Frost?

          Auf diesem Foto ist das Märchen direkt auf die Oberfläche graviert. Unten lodert das Feuer, erstarrte Eisflüsse schlängeln sich nach oben, Eispflanzen entfalten ihre Flussärmel. In dieser Landschaft tritt der Urwald in Erscheinung, die dunkle Grenze der Tannen, von Bergen gekrönt, alles mit Puderzucker bestreut. Wir folgen dem Fotografen und blicken in ein verzaubertes Reich. Er schaut durch seine Linse auf eine undurchsichtige Fensterscheibe. Ganz oben ist sie nur beschlagen. Verbirgt sich dahinter eine reale Berglandschaft? Oder gehören die dunklen Linien zur Eisblumenstruktur?

          Die Betrachtung von kaltem Eis weckt unerwartet warme Gefühle. Eiskristalle, in einer dichten spitzenartigen Schleife, die den Blick nach draußen versperrt, lassen die Wärme und Geborgenheit des Hauses stärker spüren. Wir stehen selbst in diesem warmen Vorraum. Die phantastischen Frostblumen verkapseln unsere Innenwelt, machen aus ihr eine prachtvolle Schatulle. Man kann an die Scheibe hauchen, um ein Guckloch zu machen, ein Atem-Auge nach draußen. Als ich Kind war, dienten mir die Eisblumen als ein Beweis dafür, dass die Schneekönigin vorbeigefahren war und die Blumen ausgeatmet hatte. Sie wollte unbemerkt bleiben. Diese Blumen bezeugten damit auch die Wahrheit aller anderen Märchen.

          Emil Meerkämper, ein junger deutscher Ingenieur, zog wegen seiner Lungenkrankheit im Jahre 1900 nach Davos. Dort eröffnete er ein Fotoatelier, porträtierte Kurgäste, Wintersportler und Einheimische, aber vor allem wurde er durch seine Ortsansichten bekannt. Die Postkarten mit seinen Motiven wurden aus Graubünden in die ganze Welt verschickt. Und wenn man auf die geographische Karte des Kantons schaut, ist man verblüfft, wie ähnlich sich die Bergketten auf der Karte und die Eis-Ornamente auf dem Foto sind. Eine Ähnlichkeit, auf die man nur hinweisen darf, ohne sie zu erklären. So wie das Schicksal von Hans Castorp aus dem „Zauberberg“ von Thomas Mann, der als junger Schiffbauingenieur nach Davos kommt, ein Echo bildet zur „Ankunft“ von Meerkämper (mit seinem seemännischen Namen). Und ja, die Ansichten.

          Als wäre es eine Geschichte von Thomas Mann

          Denn das Geheimnis der Eisblumen liegt auch darin, dass sie uns ständig an etwas erinnern, sie bilden unvorhersehbare Ähnlichkeiten. Sie wachsen, wenn andere Blumen und Pflanzen vor Kälte erstarren, als übernähmen sie eine Aufgabe, die die vegetative Welt im Winter nicht mehr vollbringen kann. Oder wie Adrian Leverkühn, der im „Doktor Faustus“ nicht darüber hinwegkam, dass Eisblumen „mit einer gewissen gaukelnden Unverschämtheit Pflanzliches nachahmten“.

          Walter Benjamin hat die Verschmelzung der Formen von Eisblumen beschrieben, als Komplott zwischen Kindlich-Märchenhaftem und Natur-Volkstümlichem, das einen organischen Übergang zwischen Kultur und Natur bilde. Die bunten bäuerlichen Tücher der Frauen auf einem Moskauer Wintermarkt seien mit blauer Wolle genäht, die Eisblumen nachbildete.

          Eisblumen entstehen und verschwinden auf der Grenze zwischen Natur und Zivilisation. Eigentlich müsste man heutzutage solche Fenster wie auf dem Foto sofort denunzieren, denn die Existenz dieser Blumen bedeutet schlicht, dass die Fenster undicht sind, sich dort Schmutz und Feuchtigkeit gesammelt haben. Eine Reminiszenz an eine Zeit vor der Energieeffizienz, so wie der Rauch von Lokomotiven.

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