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Einsturz des „Hauses der Gladiatoren“ : Der Verfall Pompejis

  • -Aktualisiert am

Eindringendes Wasser brachte die Gladiatorenhäuser in Pompeij zum Einsturz Bild: dpa

Pompeji verfällt seit Jahrzehnten: Seit 1997, als die Stadt Weltkulturerbe wurde, mahnt die Unesco so regelmäßig wie vergeblich Schutzmaßnahmen an. Wie eine kurzsichtige Kulturpolitik, Geldgier und der Tourismus das Weltkulturerbe zerstören.

          Erschreckt hat die Nachricht viele, gewundert wenige: Am vergangenen Samstag stürzte in Pompeji das „Haus der Gladiatoren“ (Casa dei Gladiatori) ein. Das Desaster geschah im Morgengrauen. Glück im Unglück, denn zwei Stunden später hätte der Einsturz an Pompejis einstiger Hauptstraße, in der sich täglich Touristenmassen drängen, Verletzte oder gar Tote gefordert. Als Grund gelten die Wolkenbrüche der vorangegangenen Tage, die das Fundament des seit Jahren gesperrten Bauwerks unterspült hätten. Der wahre Grund - und deshalb wundert die Katastrophe kaum jemanden - ist aber die jahrzehntelange Vernachlässigung dieser wohl berühmtesten und meistbesuchten Welterbestätte der Antike.

          Seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die letzten systematischen Restaurierungen stattfanden, ist die Vesuv-Stadt dem Verfall, sprich: der Willkür und Geldgier des Tourismus und den Strategien kurzsichtiger erfolgsorientierter Kulturpolitik preisgegeben. Dafür steht auch das „Haus der Gladiatoren“: Im September 1943 durch einen amerikanischen Bombenangriff zerstört, wurde es zwischen 1949 und 1951 wiederaufgebaut, flüchtig erforscht - und vergessen.

          Notwendige Restaurierungen überfällig

          Wie sehr, zeigt die momentane Berichterstattung, in der selbst Ortskundige den Bau eine Trainingshalle für Gladiatoren nennen. Tatsächlich (darauf weist der Name „Schola Armaturarum Juventis Pompeiani“ hin, den ihm die Ausgräber ursprünglich gaben) dürfte das Haus den paramilitärisch organisierten Jugendlichen des antiken Stadtadels als „Klub“ gedient haben, in dem sie sich trafen und ihre Prunkwaffen zur Schau stellten. Doch was vermag eine derart komplizierte Erklärung gegen den zugkräftigen Titel Gladiatorenhaus?

          Mit dieser Frage ist Pompejis Dilemma auf den Begriff gebracht: Die Stadt, eine Zeitkapsel der Antike und ihres vielfach noch rätselhaften Lebens, wird auf Grobreize reduziert. Mit welchen haarsträubenden Folgen dies auch für ihre kostbarsten Bauten gilt, zeigen Aktionen der letzten Jahre: Im Oktober 2006 wurde das „Lupanar“, in der Antike ein elendes Bordell für Tagelöhner und Sklaven, heute eine Touristenmagnet, nach zweijähriger aufwendiger Restaurierung wiedereröffnet. Zur selben Zeit wurde die „Casa dei Vettii“, eine herrliche, 1906 ausgegrabene und in den Ursprungszustand versetzte Stadtvilla für dringend notwendige Restaurierungen geschlossen. Seither hat sich dort keine Hand gerührt.

          Dauerbaustellen und Schließungen sind die gängige Praxis

          Einzigartige Stadtpaläste wie die „Casa dell Criptoportico“ und die „Casa di Nozze d'Argento“, vor fünf Jahrzehnten noch der Stolz der Archäologie, bröckeln ihrem Einsturz entgegen. Rekonstruktionen in der „Casa del Labirinto“, deren Mosaike einst Picasso inspirierten und Ende der neunziger Jahre unter eingestürzten Decken verschwanden, wurden auf halbem Wege gestoppt. Stattdessen wird an einem weitläufigen „Auditorium“ am Rand der antiken Stadt gebaut, über dessen Zwecke niemand genaue Auskunft geben kann. Dem Baulärm dort steht die Stille gegenüber, die auf der fast vierzigjährigen Dauerbaustelle des Antiquariums herrscht, dem örtlichen Ausgrabungsmuseum, das in den siebziger Jahren wegen Einsturzgefahr geschlossen wurde.

          Wo nicht Baufälligkeit das Besichtigen der rund 1500 sehenswerten Bauten unmöglich macht, ist es der Mangel an Aufsichtspersonal. Ihn zu beheben, verhindert nicht nur Geldmangel, sondern auch das selbstgeschaffene Privileg ortsansässiger Aufseherfamilien, die sich - bis hin zu Morddrohungen an die Sopreintendenten - gegen Neueinstellungen wehren. Auch die Hunderte Souvenirhändler und selbsternannten Fremdenführer verteidigen ihr Terrain bis aufs Blut, zu schweigen von der Camorra, von der niemand sagt, aber jeder weiß, dass sie ihre Hände im schmutzigen Pompeji-Roulette hat.

          Unesco-Mahnungen ohne Erfolg

          Pompeji verfällt seit Jahrzehnten: Und seit 1997, als die Stadt Weltkulturerbe wurde, mahnt die Unesco so regelmäßig wie vergeblich Schutzmaßnahmen an. Doch erst jetzt, als die Meldung vom Einsturz des „Gladiatorenhauses“ um die Welt ging, schrie Italien auf. Die Zeitungen empörten sich über „unfähige Beamte“ vor Ort, erinnerte wütend daran, dass die Regierung Berlusconi das Budget zur Erhaltung der Welterbestätte in den letzten Jahren um 1,2 Millionen Euro kürzte und eine 2008 eingesetzte Sonderkommission wirkungslos geblieben ist. Kulturstaatssekretär Roberto Cecchi erklärte, in Pompeji gebe es „seit fünfzig Jahren keine nachhaltige Denkmalpflege“ mehr, und Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano sprach von „nationaler Schande“. Nur national?

          Der Einsturz bezeugt, was geschieht, wenn skrupellos ernst gemacht wird mit dem, was in aller Welt längst „Kapitalfaktor Kultur“ und „weicher Standortfaktor“ heißt. Folgerichtig schrieb „Il Sole 24 Ore“, Italiens meistgelesene Wirtschaftszeitung, dass Pompeji, „weil es der Menschheit gehört, jenem Staat, der sich als unfähig erwiesen hat, es zu beschützen,weggenommen“ werden und an private Sponsoren gehen solle. Dass dies eine Bankrotterklärung der europäischen Kultur wäre, wurde nicht erwähnt.

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