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Einstellung der gedruckten Auflage : Brockhaus

Der Brockhaus Bild: dpa

Da geht er dahin, der Brockhaus, Statussymbol bundesrepublikanischer Bildungsbürgerwelten. Das mit ihm verbundene Versprechen schien nicht mehr haltbar zu sein.

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          Jetzt nur nicht sentimental werden. Karstadts Kaufhäuser wanken, kein Mensch trinkt mehr Eierlikör, und der Käse-Igel, Inbegriff frühbundesrepublikanischer Gemütlichkeit, steht längst auf der Liste ausgestorbener Tierarten. Wohin man auch schaut, die Insignien und Symbole der alten Bundesrepublik, sofern sie sich überhaupt ins einundzwanzigste Jahrhundert hinüberretten konnten, leiden und darben, sie siechen dahin. Zäh und mürrisch tritt das Alte den Rückzug an, um dann mit Schrecken feststellen zu müssen, dass es keine Rückzugsorte mehr gibt. Nirgends ist das Gedränge größer als in den Nischen, in die sich das vermeintlich Gestrige zu retten hofft.

          Da hat es eine Institution wie der Brockhaus mit seinen dreißig Bänden naturgemäß nicht leicht. Er passt in kein Regal mehr. Wenn die reichbestückte Bücherwand die Rolex des Intellektuellen ist, dann war der Brockhaus der Rolls- Royce unter den Nachschlagewerken. Gefahren wurde er allerdings oft genug wie ein Kleinwagen, und die meiste Zeit stand er ohnehin in der Garage, als „Ikone einer profunden Ignoranz“, wie es einmal ein Kenner der deutschen Bildungsgeschichte sarkastisch formuliert hat. Der Brockhaus war immer beides: Statussymbol des gehobenen Bildungsbürgertums und das in Halbleder gebundene Versprechen, das relevante Wissen unserer Zeit lasse sich ein letztes Mal noch bündeln und per Fadenbindung bändigen.

          Momentaufnahme des Wissens

          Aus der Traum. Wenige Jahre nachdem der Mannheimer Brockhaus Verlag sein Flaggschiff an die Bertelsmann-Tochter Wissenmedia verkauft hat, kündigt der Verlag jetzt seinen Rückzug aus der klassischen Lexikonsparte an. Sechs Jahre lang sollen die Online-Aktualisierungen, die eingeführt wurden, um mit der digitalen Konkurrenz Schritt zu halten, noch fortgeführt werden. Danach beginnt für die letzte Ausgabe der Brockhaus Enzyklopädie ein Nachleben als historisches Dokument: ein Schnappschuss. Er zeigt als Momentaufnahme die Summe des für relevant erachteten Wissens im frühen 21.Jahrhundert. Dreihunderttausend Stichwörter auf 24500 Seiten mit 40000 Illustrationen. Man könnte jetzt mit berechtigtem Pathos von einer Zäsur sprechen und mit gebotener Nüchternheit feststellen, dass mit dem Brockhaus ein bewährter Filter entfällt, der fast zwei Jahrhunderte lang das Wissenswerte aus der Flut der Daten herausgesiebt hat. Auf der Startseite der Wikipedia galt der „Artikel des Tages“ am Mittwoch übrigens zufälligerweise der Hanffaser. Sie war ein halbes Jahrtausend lang der wichtigste Rohstoff für die Papierherstellung. Bis sie vom Holzzellstoff verdrängt wurde.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

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