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„Einsteins“ Empfangschef im Interview : Die Gesten und die Gäste

  • Aktualisiert am

Dieter Wollstein an seinem letzten Arbeitstag im „Café Einstein“ Bild: Jens Gyarmaty

Dieter Wollstein hat die Berliner Republik mit Freundlichkeiten und Tagesgerichten versorgt. Jetzt geht er. Ein Gespräch über die DDR, die Einheit und das „Café Einstein Unter den Linden“.

          Am Mittwoch war Dieter Wollsteins letzter Arbeitstag im „Café Einstein Unter den Linden“. Wollstein, der fast achtzehn Jahre lang die Gäste begrüßt, ihnen die Plätze zugewiesen und durch seine unabweisbare Freundlichkeit die Stimmung dort geprägt hat, geht in den Ruhestand. Das ist eine Zäsur für die Berliner Republik. Wir haben ihn um einen Abschlussbericht gebeten.

          Herr Wollstein, als wir im Sommer 2001 anfingen, am Feuilleton der Sonntagszeitung zu arbeiten, hatten Sie keine Ahnung, wer wir sind. Sie haben uns aber vom ersten Tag an wie Stammgäste behandelt. Woran haben Sie uns erkannt?

          Es muss einer nicht schon zehn Mal da gewesen sein. Wenn man merkt, dass ihm das Essen schmeckt, wenn er freundlich ist, wenn er ein paar nette Worte sagt beim Gehen ...

          Es ist also eher eine Frage der Haltung als der Frequenz?

          Unbedingt.

          Stammgäste erkennt man auch daran, dass sie nicht à la carte bestellen. Sie nehmen das Tagesgericht.

          Wir versuchen, gut zu kochen, gutbürgerlich, Gerichte, die vielen verschiedenen Menschen schmecken könnten.

          Erinnern Sie sich an den größten Flop?

          Einmal gab es Kalbsbeuscherl, das war eine Katastrophe. Niemand wollte ein Beuscherl bestellen.

          Kann man eine Stadt, deren Bewohner keine Innereien bestellen, wirklich als zivilisiert bezeichnen?

          Eine schwierige Frage. Ich weiß nicht, ob man den Zusammenhang zwischen der Zivilisiertheit und den Essgewohnheiten allzu eng sehen darf. Die Leute bestellen halt nicht, was sie nicht kennen.

          Aber das „Einstein“ hat in Berlin schon so eine Art von Bildungsauftrag?

          Es kommen ja nicht nur Gäste aus Berlin. Diese Stadt ist nun mal die Hauptstadt, die viele verschiedene Menschen anzieht. Und wir haben versucht, hier eine vernünftige Kaffeehauskultur zu schaffen, welche die Gäste dann annehmen können.

          Sie sind insofern ein typischer Berliner, als Sie nicht von hier sind. Sie kommen aus Thüringen.

          Ja, und ich fühle mich immer noch hingezogen zu den Leuten dort. Es sind angenehme Menschen.

          Sie waren Kellner im berühmten Hotel „Elephant“ in Weimar. Mitte der siebziger Jahre sind Sie aber freiwillig nach Berlin gegangen.

          1976 wurde der Palast der Republik eröffnet, und aus allen Interhotels der DDR wurde das Personal rekrutiert. Ich war jung, ich wollte weiterkommen, und der Palast der Republik war meine Chance. Damals war das der modernste und anspruchsvollste gastronomische Betrieb der ganzen DDR.

          Bedauern Sie, dass das Gebäude abgerissen wurde?

          Das war ein reines Politikum. Man wollte nicht, dass sich dort Menschen versammeln und womöglich den alten Zeiten nachtrauern. Nicht, weil er nicht schön war, musste er weg. Sondern weil dort die Volkskammer tagte, weil dort Parteikonferenzen stattfanden.

          Man muss ja kein DDR-Nostalgiker sein, um zu sagen: Der Palast soll stehen bleiben, als Denkmal einer Zeit und eines politischen Systems, die überwunden sind. Wir trauern ja auch nicht der Monarchie hinterher, wenn wir die Schlösser stehen lassen.

          Es gibt schönere Gebäude. Aber in der Glasfassade spiegelte sich der Dom, und drinnen, wo alles sehr modern war, tagte 1990 auch die erste frei gewählte Volkskammer, das erste und einzige demokratische Parlament der DDR.

          Einer, der dabei war, hat mal Ihre ersten Arbeitstage im „Einstein“ so beschrieben: Sie begrüßten die Gäste und wiesen ihnen die Plätze zu. Dann kam Helmut Kohl, der damals noch Kanzler war. Sie grüßten ihn, das war selbstverständlich. Erstaunlich war aber, dass auch er Sie begrüßte. Er sagte: „Guten Morgen, Herr Wollstein.“

          Die Erklärung ist die, dass ich seit 1984 im Protokoll der Volkskammer tätig war. Und von 1986 an war ich der Verantwortliche in der Abteilung Protokoll.

          Das Protokoll ist ja eher eine Erfindung des Feudalismus. Der sozialistische Arbeiter-und-Bauern-Staat und das Protokoll, das hört sich an wie ein Widerspruch.

          Glauben Sie mir, die meisten von uns wären lieber im Westen groß geworden und hätten lieber im Westen gearbeitet. Es war sehr eng in der DDR, und deshalb hat mir die Arbeit im Protokoll ja so gut gefallen. Da war es nicht ganz so eng. Um Politik ging es dabei am wenigsten. Die Aufgabe des Protokolls war es, ein angenehmes Umfeld zu schaffen, für Gespräche, für Verhandlungen und Sitzungen. Wenn der Wein warm ist, das Essen kalt, die Beleuchtung grell, dann verhandelt es sich nicht so gut.

          Wie kommt es aber, dass die Politiker aus dem Westen Sie beim Namen kannten?

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