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„Einsteins“ Empfangschef im Interview : Die Gesten und die Gäste

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Zum ersten Zusammentreffen kam es rund um den 17. Juni 1990. Die Mauer war gefallen, die Volkskammer war ein frei gewähltes Parlament, aber die Einheit war noch nicht vollzogen. Aber zum Tag der Deutschen Einheit gab es eine gemeinsame Feier im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Beide Kabinette, beide Parlamente. Und ich war zuständig dafür, dass alle richtig plaziert wurden. Theo Waigel, der damals der Vorsitzende der CSU und Bundesfinanzminister war, habe ich in die zweite Reihe gesetzt. Das war mein schlimmster Fauxpas.

Auch die Feiern zur Wiedervereinigung am Abend des 2. Oktobers 1990 fanden im Schauspielhaus statt.

Das war vielleicht der Höhepunkt meiner Karriere im Protokoll.

Und zugleich die Abschaffung des eigenen Jobs. Am 3. Oktober gab es keine Volkskammer mehr. Also auch keinen Protokollchef der Volkskammer.

Ich habe, mal in Bonn, mal in Berlin, natürlich die Kollegen vom Protokoll und der Verwaltung des Bundestags kennengelernt und mit ihnen gesprochen. Es war klar, dass die niemanden übernehmen würden, der so staatsnah gearbeitet hatte. Meine Karenzzeit ging bis Ende März 1991, und am 4. April hatte ich eine neue Anstellung. Mir ging es gut. Schlechter ging es den Mitarbeitern des Palasts der Republik, als der, wegen Asbestverseuchung, geschlossen wurde. Fast tausend Menschen wurden arbeitslos.

War der 3. Oktober 1990 also ein trauriger Tag für Sie?

Ach was, ich war so nah dran an allem, das habe ich als Glück empfunden. Ich sehe noch Helmut Kohl vor mir, wie er ruft: „Wo ist der Krause, wo ist der Krause?“ Günther Krause, damals Parlamentarischer Staatssekretär, hatte mit Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag ausgehandelt. Es war mir eine Freude, das alles zu organisieren, den Staatsakt im Schauspielhaus, den Empfang danach, das Essen, die Plazierung.

Wer hat Sie damals am meisten beeindruckt?

Ich bin sensibel. Wenn einer freundlich lächelt, bin ich voreingenommen. Ich fand Rudolf Seiters sehr angenehm, Friedrich Bohl, Norbert Blüm. Die mochte ich, für ihre Freundlichkeit.

Das ist mehr als zwanzig Jahre her. Haben Sie den Eindruck, dass es heute rauher, kühler, barscher zugeht?

Ich glaube schon. Ich will nicht träumen von alten Zeiten, um Gottes willen. Vielleicht sind die Deutschen weniger begabt darin, zu lächeln, nett zu sein, dem anderen den Vortritt zu lassen. Vielleicht ist mir das früher, als ich jünger war, nur nicht aufgefallen. Aber manchmal kommt es mir so vor, als wäre der Frust heute größer, als hätten die Leute mehr Arbeit und weniger Geld.

Haben sie auch weniger Zeit? Kommen die Politiker immer noch zum ausgedehnten Frühstück?

Es ist ein großes Parlament, und wir sind ein kleines Kaffeehaus. Nicht alle kommen, und die, die kommen, wechseln. Gerhard Schröder, als er noch Kanzler war, kam manchmal mit dem ganzen Kabinett. Frau Merkel kam sehr oft, solange sie Oppositionsführerin war. Dass sie als Kanzlerin nicht mehr kommt, kann ich gut verstehen.

Verknüpft sich für Sie mit einem guten Frühstück und einem freundlichen Service auch die Hoffnung auf eine bessere Politik?

Genau das ist die Aufgabe, beim Protokoll wie in der Gastronomie. In die Inhalte mischen wir uns nicht ein. Wir sorgen für die angenehmen Grundbedingungen.

So arbeitet die Gastronomie an der Verbesserung der Welt. Haben Sie nie das Bedürfnis gehabt, einem Politiker zu sagen, dass er irrt? Dass er Unsinn redet? Dass er keine Ahnung hat?

Doch, einen gab es. Aber der ist lange von uns gegangen.

Und haben Sie es getan?

Natürlich nicht. Solange ein Gast sich anständig verhält, wird er nicht kritisiert. Wenn er aufgestanden wäre und Vorträge gehalten hätte . . .

Ist schon mal jemand ins „Einstein“ gekommen, bei dem Sie dachten: Aha, sie oder ihn kannten Sie nur aus dem Kino.

Ja, das kommt vor. Der Regisseur Tom Tykwer hatte mal die amerikanische Schauspielerin Natalie Portman dabei. Und Isabelle Huppert saß, quasi unerkannt, einen halben Nachmittag im Café. Ich bin mir ja selbst nicht sicher, ob ich alle erkenne.

In Paris oder New York gibt es so etwas nicht: ein Café, in das alle kommen. Ist Berlin eine sehr kleine Stadt?

Nein, wir sind ein kleines Kaffeehaus. Manche kommen zu uns, das freut uns. Andere gehen ins „Borchardt“, in den „Grill Royal“, in die Bars und Restaurants im Westteil der Stadt.

Wann waren Sie zuletzt im „Borchardt“, der anderen Kantine der Berliner Republik?

Das muss zehn Jahre her sein. Ich gehe nicht viel aus. Mir ging es immer darum, dass das, was wir hier anbieten, gut ist. Der Blick auf die Konkurrenz hilft da nicht viel weiter.

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