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Einserkette : Für Brasilien gilt: Gladiolen oder Tod

  • -Aktualisiert am

Bild: kat menschik

Warum nur sind die Brasilianer bei der WM im eigenen Land so versessen darauf, unbedingt auch selbst Weltmeister zu werden? Wir haben 2006 doch vorgemacht, wie gut und schön alles sein kann, obwohl man vor dem Finale ausscheidet.

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          Die Vorrunde, immerhin mit deutlich unterhaltsameren Spielen als erwartbar, ist vorbei. Uff. Die deutsche Mannschaft ist mit Platz eins und einem Achtelfinale gegen Algerien schwer im Soll. Vieles ist getan, viel ist noch zu tun. Halten wir also einstweilen den Ball flach. Es kann noch eine denkwürdige Weltmeisterschaft werden. Es kann aber auch alles per Nackenschlag schiefgehen. Der Besinnungstag zwischen dem langwierigen Aussieben und den tödlichen K.-o.-Spielen mit nervenaufreibenden Elfmeterschießen ist daher der rechte Moment, sich über den Gastgeber 2014 Gedanken zu machen: Brasilien.

          Ich muss zugeben, dass mir die naturwüchsige Freude der Brasilianer an ihrem erfolgreichen Team gehörig auf die Nerven geht. Was scheinen könnte wie die berechtigte Euphorie einer nicht nur fußballerisch großen Nation auf dem Weg zur Weltgeltung, das hat schwere moralische Schlagseite. Die „Hexa“, der sechste Weltmeistertitel, so haben die Gastgeber ihren Gästen aus zweiunddreißig Ländern eingebleut, ist absolute Pflicht für Brasiliens Kanarienvögel. „Gladiolen oder Tod“, würde Louis van Gaal zur Not sogar auf Portugiesisch seufzen. Ein zweiter Platz wäre nämlich eine Katastrophe.

          Warum nur? Deutschland, Gastgeber 2006, ging als Dritter und als Lieblingsmannschaft der halben Welt aus einem tadellos organisierten Turnier. Es war herrlich, es war ein unvergessliches Fest, es war ein emotionaler Wendepunkt im gesellschaftlichen Klima unseres Landes – gerade weil die Deutschen nicht als erfolgshungrige Dominatoren antraten. Unser wunderbares Motto hieß „Zu Gast bei Freunden“. Wer sich das ausgedacht hat, bekam hoffentlich ein Großes Verdienstkreuz und sollte mal in Brasilien anrufen.

          Atmosphäre wie bei einer Kakteenschau

          Das ehrgeizige Brasilien indes begeht einen kapitalen Fehler: Wieso lädt man sich denn die ganze Welt zu Gast, wenn die anderen alle Spalier stehen sollen für den heimischen Triumph? Besteht der Rest der Welt aus Pappkameraden, die gegen Brasilien mit dem Rückflugticket in der Turnhose antreten müssen? Wie kann der Druck einer möglichen Niederlage vor dem ersehnten Finalsieg aus dem Kessel entweichen, ohne dass halb Brasilien in Verzweiflung fällt und die Party ruiniert ist?

          Gerade die Brasilianer sollen sich doch durch eine tiefenentspannte Lockerheit auszeichnen. Strahlen sie doch bereits in ihrer relaxten Musik unerschütterliche Lebenszuversicht aus, von der sich wir verkrampften Alteuropäer eine Scheibe abschneiden können. Warum nun diese Titelgier? Vielleicht ist ja vieles von der medialen Hysterie nur ein Hype für die Kameras.

          Als ich vor Jahren einmal bei einem Spiel der Nationalmannschaft unweit von Salvador de Bahia in einer Kneipe vor dem Fernseher saß, erwartete ich die landestypische Festtagsstimmung mit Gesängen, Tänzen und Gebeten. Seltsamerweise war ich der Einzige im Publikum, der unter lauter müden, abgezehrten Gästen aufmerksam aufs Fernsehen starrte. Die Atmosphäre war etwa so leidenschaftlich wie bei einer Kakteenschau. Seither bin ich, was das südamerikanische Fußballfieber angeht, sehr viel skeptischer.

          In erster Linie ein Spaß der Oberklasse

          Vor ein paar Tagen habe ich auf dem Markt meinen Freund, den Möbelrestaurator Claudio Pereira, getroffen. Er ist in Rio geboren, wo er heute wieder wohnt, hat aber lange in Europa gelebt und kam jetzt nur für den achtzehnten Geburtstag seiner Tochter kurz über den Atlantik eingeflogen. Als eingefleischter Fußballfan seiner Nationalmannschaft ist er 2002 bei Brasiliens letztem Titelgewinn bei uns in Venedig in den Kanal gesprungen – bekleidet notabene.

          Mir blieb damals nach der deutschen Niederlage im Finale dieses Schicksal erspart; dafür bin ich Claudio heute noch dankbar. Seltsamerweise wirkte er jetzt sehr skeptisch gegenüber der Stimmung in seinem Vaterland. Die Veranstaltung sei in erster Linie ein Spaß der Oberklasse. Denn, so Claudio, man bekommt die teuren Tickets wahllos zugewiesen und muss dann oft noch den stundenlangen Flug ans andere Ende des Riesenlandes und ein teures Hotel bezahlen.

          Der Schwarzmarkt blüht, weshalb man auch nur weiße Gesichter der Neureichen auf den Tribünen sieht. Die riesige Unterschicht sei immer noch unzufrieden wegen unsicherer Großstädte, in denen die Stadien zwar irgendwie fertig geworden sind, aber S-Bahn und Straßen, Stromversorgung und Kanalisation in Ruinen liegen. Solange die Brasilianer vermuten, dass die ungeeigneten Spielorte in den Tropen durch politische Seilschaften ausgesucht wurden, dass viel Steuergeld versickerte, dass Städte noch lange auf Schulden sitzenbleiben, muss wohl tatsächlich der Weltmeistertitel her, um die Unzufriedenheit wenigstens kurzfristig zu kanalisieren.

          Ich wünschte meinem Freund Claudio eine angenehme Rückreise und viel Spaß bei der WM. Vielleicht wird er ja am 13.Juli vor Freude an der Copacabana in voller Montur ins Meer hüpfen. Vielleicht aber auch nicht.

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