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Einkommensfragen : In der Welt der Obertanen

  • -Aktualisiert am

Die Gattin des Senators bekommt einen lukrativen Posten, der berühmte Architekt verzichtet auf seinen Sitz im englischen Oberhaus, um weniger Steuern zu zahlen. Was sich aus solchen Fällen lernen lässt? Dass Einkommen offenbar nicht dem Prinzip des abnehmenden Grenznutzens unterliegen.

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          Der Berliner Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner hat versucht, seine Lebensgefährtin zur Büroleiterin der von ihm initiierten „Einstein-Stiftung“ zu machen. Kolportiertes Jahresgehalt: 118 000 Euro. Die Gattin des französischen Haushaltsministers Eric Woerth war für 13 000 Euro im Monat bei jenem Vermögensverwalter angestellt, der dem Schatzmeister der Partei UMP, Eric Woerth, ab und zu Geldspenden hat zukommen lassen.

          Der Architekt Norman Foster hat gerade auf seinen Sitz im englischen Oberhaus verzichtet, um seinen Steuerstatus als sogenannter Nicht-Ansässiger zu erhalten. Wer auf der Insel in diese Kategorie fällt, kann sich gegen einen jährlichen Betrag von dreißigtausend Pfund von der Steuer auf ausländisches Einkommen und Kapitalvermögen befreien; ein neues Gesetz bestimmt jedoch jetzt, dass Parlamentsmitglieder ihr gesamtes Vermögen in Großbritannien versteuern müssen.

          Der Vorzug arbeitslosen Einkommens

          Das sind so die täglichen Nachrichten aus der Welt der Obertanen, wie sie Karl Kraus einst genannt hat. In der anderen Welt müssen sie, so unterschiedlich sie im Einzelnen sind, den Eindruck erwecken, dass das ganze Vokabular der Bürgertugend, des Gemeinwohls samt Gerechtigkeit und Leistungsträgerschaft eine einzige riesige Fürdummverkaufe ist. Denn die Reaktion auf solche Meldungen ist ja durchaus nicht Neid, wie von Leuten immer wieder behauptet wird, die für sich selbst den Begriff „Leistungsträger“ auch dann charakteristisch finden, wenn sie sich zumeist in Talkshows und auf Empfängen aufhalten.

          Sondern man erkennt ganz offene Bereicherungsinteressen auch dort, wo ihre zugleich aggressive wie törichte Verfolgung angesichts des erreichten Lebensstandards gar nicht nötig wäre. Oder man sieht, was so ein Oberhaus wert ist, „Wert“ jetzt mal ganz wertfrei genommen: in Pfund. Die alte These aus Georg Simmels „Philosophie des Geldes“, dass Einkommen nicht dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens unterliegt, weil man nie genug davon hat, bewährt sich dabei natürlich vor allem dann, wenn es sich um arbeitsloses Einkommen handelt, ökonomisch gesprochen: um eine Rente, die nicht durch Arbeit erklärbar ist, sondern auf bloßen Besitz einer knappen Ressource gezahlt wird. Besitz an Kontakten, Besitz an Einfluss, Besitz an Reputation. „Gemeine Naturen werden für das bezahlt, was sie tun“, möchte man Schiller korrigieren, „edle für das, was sie sind.“ Und sie finden sich sehr in Ordnung.

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