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Einkaufserlebnis : Ich bin grad Primark

  • -Aktualisiert am

Alles so schön bunt hier, alles furchtbar billig: Shoppen bei Primark Bild: REUTERS

Es ist einfach, Billigmode zu verachten. Sie einzukaufen ist ein Kampf: Ein Besuch im Reich der Leoparden-BHs, Trendalarm-Kimonos, Push-ups. Und da ist ja noch die Frage nach der politischen Korrektheit solchen Tuns.

          Mittwoch, zwölf Uhr, und wenn man Primark betritt, steht man augenblicklich mitten in einer war zone. Denn die Menschen (Raubtiere, Sniper), diese in Rudeln oder alleine jagenden Menschen sehen überhaupt nichts mehr außer Zielobjekten und Eurozeichen und rempeln einen einfach weg, wenn man im Weg steht, wobei wichtig ist zu erwähnen, dass es in der Primark-Filiale am Berliner Alexanderplatz (5000 Quadratmeter) überhaupt kein Problem ist, jemandem im Weg zu stehen, weil so viele Menschen da sind, die alle nach Wegen suchen, und der Vorrat an Kleidern, zu denen man hinrennen könnte, so irre groß und pervers unerschöpflich ist, dass es da drinnen bewegungsmäßig zugeht wie bei einer Mäusefamilie auf Speed.

          Mütter rennen ihren Töchtern nach, Väter sitzen erschöpft auf den wenigen vorhandenen Sitzgelegenheiten oder weichen auf den Boden aus, Mädchengruppen sondieren das Angebot und raffen unter gegenseitigen Boah-guck-mal-geil-Zurufen Kleider zusammen, Omas laufen verwirrt zwischen Kleiderbergen umher, dazu Techno-Musik, die einem mit ihren Schlägen ins Gehirn tätowiert, dass man sich beeilen muss und hier nur rauskommt, wenn man die Challenge bewältigt hat, nämlich die am Primark-Filialeingang an die Kunden ausgehändigten kühlschrankgroßen Primark-Einkaufsnetze mit Zeug zu füllen, was wirklich nicht schwer ist, weil es ja fast nichts kostet. Und es ist auch genug da.

          Weil aber die Kundenkonditionierung (techno, pam, pam, wir stehen für fast fashion, also zeigt ihr mal, dass ihr fast kaufen könnt) in dem Moment einsetzt, da man den Laden betreten hat, rasten die Anwesenden komplett aus und benehmen sich, als ginge es darum, nach einer Dürreperiode eine geheime Wasserquelle zu orten (Dschungelprüfung). Und vielleicht ist es ja auch ein großer Durst, der sie so verrückt und geil macht. Fashion-Durst, Gesellschaftsbeteiligungs-Durst, Durst nach Ergebnissen und dem Gefühl, etwas erreicht zu haben an diesem Tag, in diesem Land.

          „Eigentlich ist Tigermuster behindert“

          T-Shirts gibt es ab zwei Euro, Trendalarm-Kimonos 14 Euro, Bardot-Kleid sechs Euro, BHs drei, vier Euro. Massenweise. Push-ups, Balconette und T-Shirt-BHs (?) werden auf den Etiketten mit Adjektiven wie „flirty“ oder „sultry“ beworben. Ein Mädchen neben mir geht ans Telefon: „Ich bin grad Primark.“ Sie ist vielleicht fünfzehn, gibt sich aber Mühe, zehn Jahre älter auszusehen, und man weiß sofort, dass ihr Aussehen für sie in diesen Zeiten das Allerallerwichtigste ist, verdammt noch mal.

          Die Tüte ist die Marke, die Marke ist die Tüte. Und die Fingernägel sind eh unschlagbar.

          Das Telefon zwischen Kinn und Schulter geklemmt, begutachtet sie in einem Spiegel ihren Lidstrichbalken, tupft an ihren Mundwinkeln herum und befühlt kritisch einen Flirty-Push-up-BH mit Leopardenmuster, um schließlich ihre/n Gesprächspartner/in darüber zu informieren, wie sie nun zu dem Leoparden-BH steht: „Eigentlich ist Tigermuster behindert.“ Sie geht weiter, der BH fällt runter, liegt wie Dreck auf dem Boden, und hier liegt oft etwas auf dem Boden, und man könnte sogar sagen: Hier liegt Dreck auf dem Boden, überwiegend synthetischer, wäre es nicht so, dass man sich, wenn man bei Hugo Boss, Hermès oder Louis Vuitton einkauft (was natürlich für keinen normalen Menschen richtig in Frage kommt), genauso die Finger schmutzig machen kann wie hier.

          Organisationen wie „Rank a Brand“ bewerten die genannten Luxusfirmen schlechter als zum Beispiel Primark oder Zara, die als „bedingt empfehlenswert“ eingestuft werden, während Louis Vuitton, Marc Jacobs und Christian Louboutin als „nicht empfehlenswert“ gelten. Diese geben nämlich überhaupt keine Auskunft darüber, unter welchen Bedingungen ihre Kleider hergestellt werden und wie sehr dabei auf die Umwelt geachtet wird. Womit, streng genommen, natürlich keine Aussage darüber getroffen werden kann, wie sie nun genau produzieren.

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