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Einkaufserlebnis : Ich bin grad Primark

  • -Aktualisiert am

Und so läuft das Textil-Game

Mario Dziamski von „Rank a Brand“, den ich vor dem Primark-War konsultierte, vermutet aber, dass Unternehmen, die sich da bedeckt halten, ihre Gründe haben. Oder anders formuliert: Würden sie Gutes tun, würden sie darüber reden. „Ein hoher Preis ist kein Indiz dafür, dass fair produziert wurde. Im Gegenteil“, sagt Dziamski. Primark ist hingegen allein seiner Größe und Präsenz wegen dazu gezwungen, sich zu äußern, und tut das auch, etwa im Fall der angeblich in die Etikette eingenähten Hilferufe (die vermutlich eine Fälschung waren).

Die irische Kette hat sich im Februar dieses Jahres dazu verpflichtet, „sämtliche Maßnahmen“ zu ergreifen, um Schadstoffe aus den Kleidern fernzuhalten. Außerdem sind sie Mitglied der Ethical Trading Initiative und engagieren sich „aktiv“ für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Zulieferbetrieben. Denn so läuft das Textil-Game: Zulieferbetriebe produzieren irgendwo in Bangladesch und China, in Rumänien oder in der Türkei (macht sich besser, weil in Europa oder zumindest in der Nähe, sagt aber überhaupt nichts über die Arbeitsbedingungen).

Das Problem dabei ist, dass die Zulieferer Subunternehmen beauftragen, die wieder Subunternehmen beauftragen, und also eine Lieferkette entsteht, die kaum mehr nachzuvollziehen ist. Primark hat 90 Prozent seiner Zulieferer noch nicht offengelegt, was im Grunde bedeutet, dass man wieder gar nichts weiß und davon ausgehen kann, dass die Produktionsbedingungen keine guten sind. Denn: ein T-Shirt für zwei Euro - wie soll das gehen?

Das Maurerdekolleté von dicken Männern

Bei einem T-Shirt von Marc Jacobs für sagen wir 180 Euro weiß man aber auch nicht und noch weniger, wer es wie gemacht hat. Aber man fühlt sich besser als bei Primark, wo viel Zeug auf dem Boden liegt, billiges Massenzeug, das man verachtet. Frauen mit „Joyce“- und „Chantal“-Tätowierungen laufen durch den Laden, man sieht das Maurerdekolleté von dicken Männern, die versuchen, sich Schuhe anzuziehen. Und vielleicht ist das Einkaufserlebnis beziehungsweise sein Image der Grund, der es einem so einfach macht, Primark zu verachten. Man hält die Menschen, die dort kaufen, für schlecht informiert, und denkt, auf der richtigen Seite zu sein, und liebt sich dafür.

Schuhsortierer haben es angesichts des Kundinnen-Ansturms nicht leicht

Man geht sich also ein Marc-Jacobs-Shirt kaufen und kauft das Gefühl, eine gute, bewusste Entscheidung getroffen zu haben (und: man gehört nicht zu denen, man gehört zu den anderen). Es ist der gute alte Wille zur Distinktion, der mit Kritik verwechselt wird, was mir aber gerade echt egal ist, weil ich mich setzen muss und nichts zum Setzen da ist.

Neben mir diskutiert eine Mutter mit ihrer etwa zwölfjährigen Tochter, ob es nun opportun ist, die pinkfarbenen Puschelhausschuhe in das Einkaufsnetz zu schmeißen, die Tochter gewinnt, denn sie kosten ja nichts, seufzt die Mutter und wird von einem Mitarbeiter mangels Ausweichmöglichkeiten in dem Unterwäsche-Einkaufsgang touchiert, der sich entschuldigt und zu dem noch immer auf dem Boden liegenden Leoparden-BH hechtet, ihn aufhebt, weitersprintet, und zwar zu der Frauenschuhabteilung, in deren Mitte ein Sitzwürfel steht, der von anprobierten Schuhen umringt ist, die aufzuräumen an diesem Tag wohl sein schlimmer Job ist.

Von der psychischen Maximal-Belastung eines solchen Einkaufs

Es ist hard knock life hier, also rempele ich mich zu einer freien Ecke auf dem vollbesetzten Schuh-Anprobier-Würfel durch und atme ein bisschen. Mit vierzehn wollte ich auch zehn Jahre älter aussehen, weswegen ich mich bei C&A vor meiner Mutter auf den Boden schmiss und brüllte, um den Kauf von kniehohen Stiefeln mit Gummiabsätzen und Spitzenapplikationen durchzusetzen, mit denen ich auf dem Schulhof der letzte Schrei gewesen wäre.

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