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Einkaufen und Gentrifizierung : Wohnungen kann man nicht essen

Ein Viertel hält es lebendig, wenn seine Bewohner in gleichem Maße auswärts essen wie zu Hause kochen können. Was aber, wenn die Läden verschwinden? Bild: Picture-Alliance

Die Gentrifizierung verdrängt auch Supermärkte. Wenn sie aus Wohnvierteln wegziehen, werden Städte zu Dörfern. Das ist keine gute Nachricht. Woher kriegt man sein Suppengrün?

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          Der Burger-Laden an der Ecke ist jetzt von einer Pizzeria abgelöst worden. Es war ein guter Laden, sympathisch abgerumpelt, sie hatten Biofleisch und vernünftige Pommes, man musste sich nicht für Bacon & Cheese aufbrezeln wie im „Burgersteig“ oder im „Schiller“- oder „Rembrandt“-Burger oder wie die anderen Gegenwartsburgerläden heißen, wo einen ausgeschiedene Teilnehmer internationaler Castingshows bedienen: Also war es ein echter Verlust.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wenn jetzt aber andererseits schon Pizzerien zurückschlagen, so dass man auf dem Heimweg endlich wieder eine unterdeterminierte Funghi mitnehmen kann, ganz ohne Distinktionsgewinn oder das Gefühl, soeben eine Funghi-Fabrik gekauft zu haben: auch ein Fortschritt.

          In Berlin ist ja gerade Wahlkampf, wer hätte das gedacht? In Berlin ist aber auch seit längerem Gentrifizierung: Man erkennt es neuerdings daran, dass Supermärkte verschwinden, an deren Stelle Apartmentbunker entstehen, in deren Parterre dann Bioboutiquen einziehen. Was es für den Quellverkehr in der Innenstadt bedeutet, den Einkauf nicht mehr ein paar anstrengende Meter weit heimschleppen zu können, sondern im Auto holen zu müssen, kann man sich ausmalen.

          Und auch, wohin es führt, jederzeit fußläufig Kimchi, aber kein Suppengrün mehr zu bekommen. Der Grad an Genervtheit steigt jedenfalls, genau wie die Zahl von Cafés, weswegen man mit Parolen wie „Weniger kaltgepresster Kaffee in Einmachgläsern für alle!“ und einem generellen Burger-Verbot rund um den monokulturellen Kollwitz-, Falk- oder Arkonaplatz bestimmt punkten könnte.

          Ein Viertel hält es lebendig, wenn seine Bewohner in gleichem Maße auswärts essen wie zu Hause kochen können. Die Klage, dass weniger gekocht wird, richtet sich aber zuerst gegen Kochshows und die sogenannte schnelllebige Zeit. Doch auch Städtebau hat Anteil daran.

          Städte verwandeln sich in Dörfer, aber das ist keine gute Nachricht, denn auf dem Land ist man ja längst gezwungen, mit dem Auto zum Einkaufen zu fahren, weil Supermärkte in Gewerbegebiete ausgesiedelt wurden: Alles Folgen politischer Entscheidungen.

          Und man kann sie nicht allein mit Konsumverhalten kompensieren. Benzin zu verbrauchen, weil der Supermarkt weggezogen ist, in dem man immer keine Käfigeier gekauft hat: ein echtes Wahlkampfthema.

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