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Einkäufe des Wochenendes : Orthodox in Moskau

  • -Aktualisiert am

Im Moskauer Edelkaufhaus Dum kauft man ein, als hätte es nie eine Krise gegeben Bild: AFP

Düstere Prognosen können den Moskauern die weihnachtliche Einkaufsstimmung nicht verderben. Trotzig konsumiert man noch mehr als im letzten Jahr. Eine Krisenreaktion der Händler ist kaum zu beobachten. Monopolisten senken ihre Preise ohnehin nicht.

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          Die düsteren Prognosen, das Bangen um den Arbeitsplatz und steigende Preise dämpfen die vorweihnachtlichen Einkäufe der Moskauer keineswegs - eher im Gegenteil. Natalja Semjonowa, eine elegante Geschäftsfrau, die sich in der luxuriös dekorierten Nowinski-Passage umtut, kauft beinahe trotzig teure Geschenke, obwohl die Krise ihre Aufträge hat einbrechen lassen. Sie werde ihr Konsumniveau halten, solange es möglich sei, sagt Frau Semjonowa. Die bekennende orthodoxe Christin sieht harte Zeiten auf sich zukommen, ohne darüber in Panik zu geraten. Auch der Unternehmer Leonid denkt nicht ans Sparen, obwohl sein Vermögen durch die Finanzkrise schon um etliche Millionen geschrumpft ist.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dieses Silvester soll seine Gattin einen Pelzmantel bekommen und seine Töchter Juwelen, verrät Leonid offensiv gutgelaunt. Der Kaufmann hat seine Ersparnisse schon dreimal verloren, bekennt er, beim Zusammenbruch der Sowjetunion, bei der Währungskrise vor fünfzehn und beim Staatsbankrott vor zehn Jahren. Selbst die junge Managerin Nina, die im Gourmet-Palast „Asbuka Wkusa“ (Geschmacks-ABC) pralinengefüllte Seidenkrepp-Handtaschen prüft, glaubt, in der Krise verliere derjenige am wenigsten, der am wenigsten auf dem Konto hat. Nina hat schon alle Geschenke beisammen und mehr dafür ausgegeben als im vergangenen Jahr, denn, wie sie sagt, alles sei teurer geworden.

          Ein orthodoxer Christ hält nichts von Langzeitplanung

          Russen wollen, Umfragen zufolge, ungeachtet gesunkener Kaufkraft, in diesen Jahreswechsel zwölf Prozent mehr investieren als in den letzten. Die Krise hat die Einzelhandelspreise in Moskau nicht sinken lassen, nur wenige Geschäfte locken mit Preisnachlässen. Im Gegensatz zum Westen, wo Anbieter um Kunden konkurrieren, wird der russische Markt von Monopolisten und Bürokraten beherrscht, erklärt Michail Chasin, Chef der Consultingfirma Neocon. Monopolisten senken ihre Preise nicht. Außerdem trägt der Handel in Russland krisenunabhängige Fixkosten, fügt Chasin hinzu, auf unverhandelbare Schmiergeldsätze für die Miliz, die Feuersicherheit und andere Staatsdienste anspielend.

          Als krisenresistent haben sich ironischerweise archaisch wirtschaftende Unternehmer erwiesen. Beispielsweise der Strumpf- und Sockenfabrikant Sergej, der den Erlös aus seiner im Moskauer Umland vertriebenen Ware zu Hause hortet. Sergej, der sich zum Fest eine teure Garnitur „Kaiserliches Porzellan“ gönnt, hat, um dem Wertverlust seines Geldes zuvorzukommen, soeben eine neue italienische Webmaschine angeschafft. Die Unzuverlässigkeit ihrer Banken erinnert gläubige Russen aber auch an die Eitelkeit allen Reichtums. Echte orthodoxe Christen finden, sagt Frau Semjonowa, finanzielle Langzeitplanung geradezu unanständig.

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