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Eine Reise in Palästina : Durchs Heilige Land

Alltag auf dem Tempelberg: Ein Polizist vor dem Tempeldom Bild: picture-alliance / dpa

Hinter der Grenze zu Israel hören als erstes die Straßenlaternen auf, dann die Straßen selbst. Jenseits des Checkpoints ist der Asphalt aufgebrochen, Panzer haben die Wege zerstört. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, und nur sehr Fromme können hier beten. Ein Bericht von Verena Lueken.

          6 Min.

          Moses hat das Gelobte Land nie betreten. So steht es im Alten Testament. Dennoch könnte die judäische Wüste, die sich rot und staubig bis zweihundert Meter unter den Meeresspiegel senkt, seine Heimat gewesen sein, eine Landschaft, in der Religionen entstehen und ihr Geist über die Zeiten in der heißen Luft flirrt und Gläubige wie Nichtgläubige anweht, die hier vorbeikommen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer diesen Geist spürt, vergißt die Politik und glaubt dem jungen Wächter in Maqam an-Nabi Musa, einer Karawanserei mit Moschee in der Gegend von Jericho, daß er das Grab von Moses bewacht. Daß es hier und nicht am Berg Nebo in Jordanien liegt, wie gemeinhin angenommen wird, hat der Sultan az-ahir Abu l-Fatah im Jahr 1269 beschlossen und auf einer kleinen Oase dieses einfache Heiligtum errichtet. Andere Sultane haben andernorts dasselbe getan. Gräber Moses' gibt es wie Salzkörner im Meer. Ob eines von ihnen und welches das wirkliche ist, spielt keine Rolle. Die Wüste ist für den Besucher heute der einzige spirituelle Ort im Heiligen Land. Der Rest ist verzerrt, zerrissen, ein ständiges Hin und Her zwischen Westen und Orient, erster und dritter Welt, wie es früher hieß.

          Ein ständiges Hin und Her zwischen Westen und Orient

          Den Übergang von der dritten in die erste Welt bewacht eine zierliche schwarze Schönheit. Sie kann unmöglich älter als achtzehn sein. Wenn sie lacht, kommt ein erstaunlich kräftiges Gebiß zum Vorschein, und sie lacht viel, gemessen an ihrer Aufgabe. Denn sie steht schwerbewaffnet ziemlich genau an der Grenze zwischen westlicher und arabischer Welt, und sie steht auf westlicher Seite, genauer gesagt in Israel. Eine Wehrpflichtige. Wer im Auto vorfährt und ein grünes Nummernschild hat - Israelis haben gelbe -, kommt nicht an ihr vorbei.

          Wer sich als Bewohner der palästinensischen Autonomiegebiete ausweist, ebensowenig. Wer einen jordanischen Paß hat, natürlich auch nicht, und selbst wer alt ist und hinkt, wie die kleine Frau in grauen Wollstrümpfen, die vor uns durch die vergitterten Gassen mühsam das stählerne Drehkreuz am Checkpoint erreicht hatte, wird zurückgeschickt, weil sie nicht die richtigen Papiere hat. Ein deutscher Paß ist da schon etwas anderes. Die Schöne lacht mich an, posiert für ein Foto und tritt zur Seite.

          Die berüchtigte Mauer

          Umgekehrt wird niemand gehindert, von der ersten in die dritte Welt zu wechseln. Am Tag zuvor hatten wir, ohne aus dem Auto zu steigen, auf dem Weg nach Ramallah einen israelischen Grenzsoldaten passiert, der uninteressiert die Papiere des palästinensischen Fahrers aus Jerusalem überflog und uns durchwinkte. Wir waren vom Flughafen in Tel Aviv über gut ausgebaute, vielspurige Autobahnen Richtung Westbank gefahren, Straßen, auf denen der dichte Verkehr floß, wie die offenbar kürzlich erst nachgezogenen Spurmarkierungen ihn lenkten. Ich hatte zum ersten Mal die rotbedachten Häuser der jüdischen Siedlungen auf den Hügelketten gesehen, Reihenhaussiedlungen, wie es schien, in einer so typisch nicht-arabischen Bauweise, daß ich für einen Augenblick vergaß, wo ich eigentlich war.

          Dann erreichten wir den Zaun, der in die berüchtigte Mauer überging, was meine Erinnerung wieder in Gang setzte. Jetzt liegt die Mauer zu unserer Rechten, und ihre Stacheldrahtkrone wirft unter dem Scheinwerferlicht aus dem militärischen Sperrgebiet gleich nebenan in der Dämmerung groteske Schatten. Tagsüber hatte sie realer ausgesehen, mehr nach Zement, und ihre staubigen Ableger hatten das gesamte Grenzgebiet überzogen, das offiziell gar kein Grenzgebiet ist, sondern besetztes Land. Qalandia heißt dieser Ort, ein durch zahlreiche Scharmützel berühmt gewordener israelischer Checkpoint auf halbem Weg zwischen Ramallah und Jerusalem, ein Stück Niemandsland, wo der Westen einfach aufhört.

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