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Am Brenner : Wo das grenzenlose Europa endet

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Der Weg nach Arkadien führt über die Brennerautobahn. Auf der Passhöhe warten erstaunliche Entdeckungen – sofern man sich die Zeit zum Aussteigen nimmt. Bild: Getty

Goethe gefiel es hier noch gut, heute ist der Brenner ein Nicht-Ort, der Völker trennt: Die Gedenktafeln auf dem Pass erzählen davon, wie es so weit kommen konnte.

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          Es war naiv gewesen zu glauben, die versammelte Infrastruktur des Brenner – vom Würstelstand bis zum Outlet für Wander- und Sportbekleidung – stünde bereit, um den einsam nordwärts Reisenden am 25.Dezember mit seinen Wünschen zu empfangen; etwa nach der ersten, lang entbehrten Leberkässemmel, aber auch nach Wanderbekleidung, sonst schwer zu haben im heimatlichen Rom. Die leergefegte Autobahn hätte misstrauisch machen müssen, sie tat es nicht. Und so steht man allein vor dem schlafend hingestreckten Monstrum des geschlossenen Outlets, und auch die Hoffnung, weiter oben am Würstelstand auf Leben zu stoßen, stirbt geräuschlos. Wer nur irgend konnte, scheint sich davongemacht zu haben, und es konnte offenbar jeder. Kein Mensch, kein Auto, niemand, niente. Nichts suggeriert den Eindruck des non-lieu eindrucksvoller als diese kollektive Flucht. Hier oben hat keiner was verloren.

          Was tun? Weiterfahren? Ein paar ratlose Schritte entlang des penibel vom Schnee gesäuberten Gehsteigs. Da stolpert das Auge über einen noch nie wahrgenommenen Gesteinsbrocken aus Alpengranit, beschriftet mit goldenen Lettern. Begierig tritt man näher: „Scheitelhöhe Brennerpass“ steht da, und weiter: „Das Wasser scheide ich/Das Land verbinde ich“. Ein folkloristischer Hinweis auf die Wasserscheide zwischen Nord und Süd, Fremdenverkehrsamt oder so etwas? Erst im Weitergehen fällt auf: Der Stein spricht Deutsch, auf der italienischen Seite des Brenners, und zwar nur Deutsch!

          „Ein sehr sauberes, bequemes Gasthaus“

          Irgendwas stimmt nicht mit dem putzigen Findling. Wenige Schritte weiter ein kleines, artiges Kriegerdenkmal, gestiftet vom Verein der italienischen Gebirgsjäger. Es sieht ein wenig faschistisch aus, könnte aber auch aus den fünfziger Jahren stammen, so genau weiß man das nie in Italien. Dieser Stein spricht beide Sprachen, wobei die Toten im italienischen Text für die „patria“ gefallen sind, für das Vaterland, in der deutschen Version dagegen ohne spezifischen Zweck. Wenn Steine am Brenner sprechen, kommt es auf Nuancen an.

          Schließlich steht man vor dem Gasthof zur Post, neben der Kapelle St.Valentin, am höchsten Punkt des Brenners, also jener Scheitelhöhe, von der unser Stein spricht. „Hier oben ist die große Wasserscheide“, schreibt Victor Hehn 1839 ins Reisetagebuch, „rechts fließt alles dem Inn und also dem Schwarzen Meere zu, links der Etsch und also dem Adriatischen Meere. Das gespaltene Dach des Posthauses träufelt von der einen Seite den Regen nach dem Inn, von der anderen nach der Etsch.“ Im Gasthaus zur Post hat Goethe übernachtet, am 8. September 1786, „gleichsam hierher gezwungen“, wie er im Tagebuch vermerkt. „Nun bin ich hier, finde ein sehr sauberes bequemes Gasthaus; Will ausruhen, meine vergangenen Tage überlegen und alles ... in Ordnung bringen, auch mich zu weiterer Reise zu bereiten.“ Es gefiel ihm gut am Brenner, der damals aus wenig mehr als der Kirche und eben jenem Gasthaus bestand: „Von hier fließen die Wasser nach Deutschland und nach Welschland, diesen hoff ich morgen zu folgen.“

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