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Job als Sinnkrise : Im Sauberland

Wer seine Hemden selbst bügelt, läuft nicht Gefahr, sie in der Reinigung zu verlieren. Bild: Stefan Finger

Man gibt seine Klamotten zum Reinigen ab und bekommt sie nie wieder. Diese Aussicht nagt an der bürgerlichen Grundressource Vertrauen. Wie es ist, wenn sich jemand den Traum erfüllt, einfach alles hinter sich zu lassen.

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          Ein Mann verschwindet. Und das ist seinen Kunden nicht egal. „Sehr geehrter Inhaber der Wäscherei“, steht auf einem der vielen Zettelchen, die von außen auf die verschlossene Tür der Frankfurter Reinigung „Sauberland“ geklebt sind, „da ich seit über zwei Monaten darauf warte, dass die Wäscherei öffnet, aber es ist nie passiert, wende ich mich nun mit diesem Schild an Sie. Ich bitte um schnellstmögliche Rückgabe meiner Kleidung (5 Hosen), die ich am 1. Juni bei Ihnen abgegeben habe. Anbei eine Kopie meiner Quittung. Wenn ich bis Donnerstag, den 4. August, meine Kleidung nicht zurück habe, bin ich gezwungen, rechtlich vorzugehen und Schadensersatz zu verlangen.“

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Worüber soll man sich mehr wundern: über das Verschwinden eines Mannes, der seit zwei Monaten wie vom Erdboden aufgesaugt scheint? Oder darüber, dass eine Kundin, jäh der Grundressource Vertrauen verlustig gegangen, für fünf Hosen den Rechtsweg beschreiten möchte, ohne das ungeklärte Los des „Sauberland“-Chefs auch nur mit einem Wort zu bedenken? Dass es nicht immer nur um das Eine geht, die Klamotten, zeigt dieser andere Kundenzettel an der Türe: „Was ist passiert? Bitte melden Sie sich!“ Oder gleich daneben jener: „Hallo, ich hoffe, es geht Ihnen gut, und Sie können Ihre Reinigung bald wieder öffnen. Wir haben noch Hemden bei Ihnen.“

          Aufgestaute Sinnkrise?

          Blickt man durch die Scheibe in den Laden, so scheint der Mann nur eben mal vor die Türe getreten zu sein: auf dem Boden noch ein Haufen ungereinigter Wäsche; in den Regalen sauber gebügelte Hosen und Hemden; ein Schild, das Sprühsauger zur Miete anbietet; jede Menge in Reih und Glied aufgestellte Kartons mit Färbesalz. Waren es diese jahrelang hergestellten Sauberkeiten, die den Mann, selbst ja doch ein Verursacher von Flecken und Emissionen, vor zwei Monaten ausrasten ließen?

          Man kann nur spekulieren: Hat ihn, den untergetauchten Saubermann, eine lang aufgestaute Sinnkrise bewogen, nun Knall auf Fall hinzuschmeißen, im Verborgenen ein neues Leben zu beginnen und sich aller Bezüge, in denen er bislang steckte, zu entledigen? Ohne dabei zunächst an eine retraumatisierende Abwicklung des Geschäfts zu denken? Hat er einfach ernst gemacht mit diesem literarisch vielfach ausgemalten Traum, alles hinter sich zu lassen? Oder fiel er einem Anschlag zum Opfer? Hat er selbst Hand an sich gelegt? Ist er ohne Angehörige und wird deshalb nicht weiter vermisst?

          Ein Anruf beim zuständigen Polizeirevier klärt auf: Der Mann habe von einem auf den anderen Tag „keine Lust“ mehr auf seinen Laden gehabt, in etwa zwei Wochen werde ein Aushang an der Reinigung mitteilen, wo man sich seine Wäsche abholen könne. Damit ist allen weiteren Spekulationen ein polizeilicher Riegel vorgeschoben. Es geht um die Klamotten.

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