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Frankreichs Provinz : Was verschwindet zuletzt?

  • -Aktualisiert am

Die Karte interessanter als das Gebiet? Bah, das sagen doch nur Zyniker: Blick aus dem „Café de la Place“ in Bazolles, Frankreich, auf die Straße. Bild: Wiele

Tief in der französischen Provinz drohen die Dörfer alles zu verlieren, was sie einmal ausgemacht hat. Doch dann keimt plötzlich Hoffnung an der D 958 im Département Nièvre.

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          „Noch nie hatte er etwas so Herrliches gesehen, das so reich an Emotionen und Sinn war wie diese Michelin-Karte“: Die Euphorie, die in Michel Houellebecqs Roman „Karte und Gebiet“ von einer französischen Straßenkarte ausgelöst wird, ist besonders für den aus der Fremde kommenden Reisenden leicht nachvollziehbar: Wochen-, monatelang plant, träumt er vorfreudig seine Route von Straßburg bis tief ins südwestliche Frankreich – natürlich nur über Landstraßen, man will ja die Kreisverkehre genießen – und fragt sich, was wohl Feye-en-Haye bereithalten mag, was Méligny-le-Petit, was Blumeray oder Nully, was Champignolle-le-Haut?

          Leider hält der Roman auch schon die Einsicht bereit, dass die Realität nicht immer so schön ist wie die Vorstellung: „Die Karte ist interessanter als das Gebiet.“ Zwischen Lothringen und Burgund, wo sich in endlosen Weizenfeldern Fuchs und Hase gute Nacht sagen, scheinen die Dörfer der Wirklichkeit oft einen traurigen „Was verschwindet zuletzt?“-Wettbewerb auszutragen: Die Kneipe? Der kleine Supermarkt? Die Post?

          Erstaunlicherweise ist es dann ausgerechnet die Boulangerie, die noch vor den anderen aufgibt. Tiefpunkt der französischen Kulturgeschichte an einer Straßenkreuzung nahe dem Lac de Madine: ein Brotbackautomat. Und etwas weiter südlich, in Châtillon-en-Bazois, kommt es noch schlimmer: In einer Wand mitten im Ort grüßt der 24-Stunden-Pizza-Automat. Wer druckt sich hier nachts um drei eine Quattro Formaggi aus? Möglich immerhin wäre es.

          Häuser sind hier günstig zu haben, die Vorher-Nachher-Bilder von renovierten Anwesen und kühnen Garagenanbauten im Schaufenster eines Immobiliengeschäfts lassen allerdings daran zweifeln, dass der Fortschritt immer Gutes bringt. Die alles aufkaufenden und zu Spitzenobjekten umwandelnden englischen Broker jedenfalls, die Houellebecq beschreibt, sind hier noch nicht gewesen oder inzwischen pleite. Auf einer sonntäglichen Radtour am Canal du Nivernais zwingt ein nicht enden wollender Regen selbst die härtesten holländischen Tandem-Fahrer in die wenigen gastronomischen Einrichtungen am Weg. Die erste sich bietende ist leider vollbesetzt. Also noch mal eine halbe Stunde weiter am Kanal entlang, dann ein rettendes Ortsschild: Bazolles. Man radelt pitschnass die Dorfstraße hoch, links und rechts geschlossene Läden. Dann aber hinter einer Kurve das „Café de la Place“, dessen Tür tatsächlich halboffen ist.

          Der Raum wirkt schummrig und im hinteren Teil eher wie ein Lager, aber vorne ist eine kleine Theke, hinter der eine Frau steht. Mit zittriger Hand schenkt die wohl bald achtzigjährige Wirtin einen Calvados ein. Als wir uns später wieder nach draußen wagen, ruft einer der zwei Stammgäste uns noch ein „Bon courage!“ hinterher – ob er das nur aufs Wetter bezieht?

          Der kleine Ort an der D 958 sieht auf der Karte eher unspektakulär aus – man hätte dort geplanterweise wohl eher nicht angehalten. Als man abends am Handy diese Karte noch einmal größer aufzieht, wird tatsächlich auch das Café darauf sichtbar. Es ist mit dem Symbol für eine Bar ausgewiesen und heißt „Chez Paulette“. Ein Stück die Straße hoch, zwei Kurven weiter, soll es sogar noch eine Boulangerie geben.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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