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Eine neue Seidenstraße : Warum China bald bis Duisburg reicht

  • -Aktualisiert am

Asien kann die Wiederkehr der Seidenstraße nicht erwarten: In Usbekistan lässt sich schon mal beobachten, wie sie verlaufen soll. Ob Peking das gefällt? Bild: Michael Jeismann

China propagiert eine neue Seidenstraße und will von Astana bis Duisburg ein riesiges eurasisches Handelsnetz knüpfen. Es soll helfen, die Position des Landes als Weltmacht zu etablieren.

          6 Min.

          Wenn chinesische Strategen nach innen schauen, sind sie in ihrer Kontrolllust bekanntlich zu beträchtlicher Kleingeistigkeit und Vorsicht fähig. Ganz anders dagegen, sobald ihr Blick in die Ferne schweift: Dann entwickeln sie mitunter Perspektiven, deren weltgeschichtliche Kühnheit einem den Atem raubt. Die amerikanische Vorherrschaft, die kulturelle und politische Dominanz „des Westens“ überhaupt, der globale Wettstreit von Ideen und Ideologien? Alles nur eine Episode. Was in der Zukunft zählt, liegt weit davor: Seidenstraße, Eurasien. Wann immer der chinesische Präsident Xi Jinping in den letzten Monaten mit Staatsführern von Ländern entlang der alten Handelsroute zusammentraf, fühlte man sich plötzlich in einer anderen Zeitordnung, meinte man wie Xi wieder „Rauchfahnen aus der Wüste aufsteigen“ zu sehen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Fast höre ich das Echo der Kamelglocken in den Bergen“, sagte der Präsident Chinas in Astana, der Hauptstadt Kasachstans. Vergegenwärtigung ist der jüngste Fluchtpunkt der Pekinger Globalstrategie. Gerade erst hat die Unesco auf einen gemeinsamen Antrag Kasachstans, Kirgistans und Chinas hin das erste Teilstück der bis ins zweite Jahrhundert vor Christus zurückreichenden Seidenstraße in ihre Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Und nun entwirft China eine Zukunft, die sich wieder an diesen alten Handelswegen orientiert: Es will einen „Seidenstraßen-Wirtschaftsgürtel“ im Norden und eine „Meeres-Seidenstraße des 21.Jahrhunderts“ im Süden installieren.

          Das Ganze ist von vornherein nicht bloß als Infrastrukturprojekt angelegt, sondern als Herstellung eines neuen politisch-kulturellen Zusammenhangs zwischen Asien, Europa und Afrika – und nicht zuletzt als Hervortreten eines Weltakteurs, der diese neue Form internationaler Beziehungen überhaupt erst möglich macht. Der Regierungsberater Yang Jiemian vom Institut für Internationale Studien in Schanghai schreibt, die Vorstellung eines „gemeinsamen Schicksals“, von der Xi Jinping auf seinen Reisen zu Seidenstraßen-Anrainern immer wieder spricht, gehe über „bloße geostrategische und geopolitische Zusammenarbeit“, wie man sie kenne, weit hinaus.

          Von Xi'an nach Venedig

          Bisher übliche Konzepte gelte es zu überwinden, sei es „die Theorie des eurasischen geopolitischen Gravitationszentrums“ (eine Formel, die Putin in den letzten Jahren oft gebrauchte), sei es die „Nullsummentheorie“ (der zufolge des einen Gewinn des anderen Verlust bedeuten muss) oder die „Mentalität des Kalten Kriegs“ (die China den Vereinigten Staaten unterstellt). Erst im vergangenen Monat gab die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission bekannt, dass sie an einem genaueren Programm für die Verwirklichung der Seidenstraße arbeite. Doch die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua hat bereits eine Landkarte veröffentlicht, an der sich die beabsichtigten Verbindungslinien ablesen lassen.

          Die im Norden verlaufende Landroute beginnt in Xi’an, der alten Hauptstadt Chang’an in Zentralchina, und geht dann westwärts durch die von Uiguren bewohnte Provinz Xinjiang nach Kasachstan und anderen zentralasiatischen Ländern, danach durch das nördliche Iran, den Irak, Syrien und die Türkei, um Richtung Norden nach Moskau abzubiegen und dann nach Deutschland (Duisburg), Rotterdam und schließlich Venedig. Die Seeroute im Süden nimmt von der südöstlichen Provinz Fujian ihren Ausgang, führt an den chinesischen Provinzen Guangdong, Guangxi und Hainan entlang, geht dann durch die Straße von Malakka nach Malaysia, von wo aus sie Kurs zuerst auf Sri Lanka und dann Kalkutta in Indien nimmt, dann durch den Indischen Ozean nach Kenia, hinauf ums Horn von Afrika herum durchs Rote Meer ins Mittelmeer, um nach einem Halt in Athen gleichfalls in Venedig anzukommen.

          Der Zielpunkt Venedig ist weniger unter machtpolitischen als unter symbolischen Gesichtspunkten interessant. Er markiert die Verbindung mit der westlichen Metropole des Oströmischen Reichs, mit der Geburtsstadt Marco Polos, dessen Erzählungen China wieder in das Bewusstsein Europas brachten, sowie mit einer Geburtsstadt des Kapitalismus. Es ist unwahrscheinlich, dass China einen detaillierten Masterplan entwickelt, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Eher wird China wie bei früheren Großvorhaben dem Weg eines punktuellen, experimentellen und schrittweisen Vorangehens folgen. In Astana sprach Xi Jinping davon, dass man mit der Zusammenarbeit in einzelnen Gebieten anfangen solle, um diese dann mit der Zeit über die gesamte Region hinweg zu verbinden. So will China durch seine bilateralen Beziehungen mit jedem einzelnen der beteiligten Länder offenbar selbst der entscheidende Katalysator, das Bindeglied sein, das die gewaltigen Unterschiede, Spannungen und Konflikte in dem Großraum überbrückt.

          Verträge von zig Milliarden Dollar

          Damit hat Xi schon seit vergangenem Herbst durch die individuelle Ansprache einzelner potentieller Beteiligter begonnen. In Indonesien beschwor er die „gemeinsamen Erinnerungen“ beider Völker, bei einem chinesisch-arabischen Ministertreffen stellte er gemeinsame Hightech-Projekte wie Nuklearenergie und Weltraumfahrt in Aussicht, in Duisburg, dem Endpunkt einer bereits seit 2011 von Chongqing aus betriebenen 10.300 Kilometer langen Güterzugstrecke, betonte er, dass Deutschland und China die wirtschaftlichen Lokomotiven an den Enden der Seidenstraße seien, von der ganz Europa profitieren könne. Und im Unterschied zu Hillary Clinton, die schon 2011 als amerikanische Außenministerin von einer „neuen Seidenstraße“ gesprochen hatte, um Afghanistan eine Perspektive aufzuzeigen, verbindet Xi seine Worte mit handfesten Investitionen: Auf seiner Kasachstan-Reise unterschrieb er Verträge im Wert von zig Milliarden Dollar, den Arabern kündigte er eine Steigerung des Handelsvolumens von 240 auf 600 Milliarden Dollar im Lauf des nächsten Jahrzehnts an.

          In Kasachstan benannte Xi auch die fünf zentralen Elemente des Projekts: gemeinsame Entwicklungsstrategien, ein Netzwerk von Transportverbindungen, ein freier Handelsraum, vermehrte Konvertibilität der Währungen, Völkerverständigung. Die kurz- und mittelfristigen Vorteile, die sich China von seiner Seidenstraßen-Strategie verspricht, sind offensichtlich: Neben dem Handel geht es vor allem um Energieressourcen und Terrorismusbekämpfung. Der wirtschaftlich zurückgebliebene Westen Chinas mit seinen unruhigen Provinzen Tibet und Xinjiang soll mehr in Waren- und Handelsströme eingebunden und dadurch pazifiziert werden. China will die zum Teil chaotischen und miteinander rivalisierenden zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken enger an sich binden und seinen Energiebedarf mit ihrer Hilfe decken.

          Doch langfristig steht die Vorstellung einer Integration Eurasiens dahinter, die die bestehenden weltpolitischen Gewichte nachhaltig verändern würde. Der Direktor des chinesischen Instituts für maritime Sicherheit und Zusammenarbeit, Dai Xu, bezeichnete kürzlich den Status quo nach dem Kalten Krieg als instabil und unausgewogen. Der eurasische Kontinent werde in einer C-förmigen Einkreisungsbewegung von Amerika und dessen Bündnispartnern EU und Japan umzingelt. Das Gleichgewicht könne erst wiederhergestellt werden, wenn die eingekreisten Mächte, vor allem China, Russland und Iran, gemeinsame Sache machten und so dem Außendruck einen Innendruck gegenüberstellten. Interessant an einer solchen Perspektive ist, dass damit die Nachfahren der an der alten Seidenstraße beteiligten Mächte – China, Persien und Rom – wieder im Mittelpunkt stünden (sofern man Russland als kulturellen Erben von Byzanz akzeptiert).

          Ort der Kultur und des Konsums

          Natürlich darf man Stimmen wie diese nicht verabsolutieren. Gerade das Seidenstraßen-Vorhaben zeigt, dass China nicht daran denkt, die Beziehungen zu einem Element des geopolitischen Mobiles – etwa zu Russland – gegen die zu einem anderen wie der EU auszuspielen. So spricht sich ein Leitartikel in der bestens vernetzten Parteizeitung „Global Times“ zugleich für eine vermehrte langfristige Zusammenarbeit mit Europa aus. Die meisten Chinesen nähmen den Kontinent nur noch als Ort der Kultur und des Konsums ernst, doch sie „sollten erkennen, dass Europa die realistischste Durchbruchsmöglichkeit darstellt, um das größte Hindernis für Chinas Aufstieg zu beseitigen: den Westen“.

          Doch wie wäre eine solche Zerbröselung des Westens denkbar? Europa hat zwar, anders als die Vereinigten Staaten, keine direkten Interessenkollisionen mit China, aber es ist, wie der Europawissenschaftler Cui Hongjian kürzlich in Peking bemerkte, ein weltweit führender Produzent von öffentlicher Meinung; wenn Einzelpersonen oder Institutionen Unterstützung für ihre Anliegen brauchten, gingen sie nach Europa. Was er nicht aussprach, aber natürlich mitdachte, ist, dass sich diese öffentliche Meinung an einem Universalismus orientiert, den der Westen nach wie vor als seine Grundlage versteht und der ihm etwa gegenüber der chinesischen Einparteienherrschaft ein tiefes Misstrauen einflößt.

          Wie will China diesen robusten Überbau knacken? Terminologisch lösen Regierungsberater wie Cui in den letzten Jahren die Gegensätze dadurch auf, dass sie sie den „Ideologien“ der Kalte-Kriegs-Ära zurechnen, womit sie das heutige China implizit als über Ideologien erhaben darstellen (obwohl Präsident Xi gleichzeitig eine Re-Ideologisierung der Partei fordert). Heute, sagt Cui Hongjian, sei die universale Hauptideologie die Wirtschaft. In diesem Sinn lässt sich das Seidenstraßen-Projekt als Vorbote eines postideellen Zeitalters verstehen, in dem sich gegensätzliche Prinzipien durch die Praxis des kommerziellen Tauschs zusehends relativieren sollen. „Chinas Weisheit, eine offene Weltwirtschaft und offene internationale Beziehungen zu schaffen zieht von Tag zu Tag mehr Interesse auf sich“, schreibt Xinhua; das Projekt markiere den Beginn einer „Ära der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ – so, als wäre die bisherige Globalisierung bloß eine durch außerökonomische Elemente noch verunreinigte Vorform der kommenden wahren Wirtschaft.

          Das anvisierte Seidenstraßen-System erinnert in den wenigen Umrissen, die es zurzeit hat, weniger an die bisherigen nationalstaatlichen Macht- und Wertgemeinschaftsblöcke als an das verzweigte Netz unterschiedlich dichter Beziehungen, das das alte China um sich herum gesponnen hatte. Schon gehen erste Tributgeschenke ein. Der Vorsitzende der Türkisch-Chinesischen Industrie- und Handelskammer schrieb in einer Parteizeitung, die Türkei werde gern bei dem Projekt zusammenarbeiten und hoffe „auf ein größeres China“. Bereits das alte chinesische Tributsystem war eine Art Win-win-Arrangement: Auf die Tributleistungen, mit der die umliegenden Völker China als die Mitte des Universums anerkannten, reagierte der Kaiser für gewöhnlich mit einer Gegengabe von noch höherem Wert, so dass das Ritual eine eigene Tauschökonomie begründete. Es sei höchste Zeit, fügte jetzt der türkische Repräsentant an, dass die globale Dominanz von Dollar und Euro durch den Yuan ergänzt werde.

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