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Defätismus im Roman : In aller Freundschaft zur Kapitulation gedrängt

General Charles de Gaulle sprach am 18. Juni 1940, einen Tag nach seiner Ankunft in London, über die BBC. Die Rede wurde um 18 Uhr aufgezeichnet und um 22 Uhr gesendet. Bild: BBC

Ein Antipode General de Gaulles fordert die Engländer über die BBC zur Kapitulation auf. An diese Anekdote aus einem Roman von Penelope Fitzgerald kann man denken, wenn man den von Alice Schwarzer publizierten offenen Brief liest.

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          Wenn es soweit sei, dann sollten sie bloß nicht an die Geschichte denken, sagte der alte General zu den an den Radioapparaten versammelten Angehörigen eines Volkes, das sich fast als letztes noch verteidigen konnte gegen den Diktator, der ohne Recht und Grund ganz Europa mit seinem Krieg überzog. Die Geschichte, so der General, sei undankbar.

          Sie brauchten den Rat eines erfahrenen Mannes – so sah der Franzose die Engländer, die ihm Asyl geboten hatten nach dem letzten von ihm befehligten vergeblichen Gegenangriff gegen den deutschen Vormarsch, und da ihr eigener Premierminister ein Trunkenbold war, musste ihnen Georges Pinard, ihr unter preußischer Besatzung aufgewachsener Waffenbruder von der Westfront des letzten Krieges, den reinen Wein mit bitterem Abgang einschenken. Er spreche als Freund, sagte der alte Herr mit dem silbernen Schnurrbart, der im Radio nicht zu sehen war, den alle Engländer aber aus den Zeitungen kannten, in die Mikrofone der BBC, und deshalb wolle er dem Publikum nicht schmeicheln. „Ich habe meine Nation die Hoffnung verlieren sehen, und ich sage Ihnen jetzt, dass es auch für Sie keine Hoffnung gibt. Ne vous faites pas aucune illusion: Sie haben ihren Krieg verloren.“

          Der General redet ungestört weiter

          Vertreter des britischen Außen- und Kriegsministeriums waren anwesend während der Live-Sendung aus dem Broadcasting House am 14. Juni 1940, und während diese Beamten flüsternd über die unkalkulierbaren diplomatischen Konsequenzen eines Abbruchs der Übertragung berieten, steuerte die Ansprache des abtrünnigen Abgesandten der besiegten Pariser Regierung auf den finalen Appell des Redners zu. Aus Sympathie, sagte Pinard, lasse er England wissen, was Frankreich nur um den Preis schrecklicher Opfer gelernt habe. Die Engländer sollten nicht an Widerstand denken und nicht an die Geschichte, sondern an sich selbst, ihre Häuser und so sorgfältig gepflegten Gärten und an ihre Kinder, die alles miterleben und am Ende wissen würden, dass alle Regierungen schlecht seien und Hitlers Regierung vielleicht nicht schlechter als jede andere. „Gebt auf, wenn der Boche kommt. Gebt auf.“ Auf dieses Schlusswort folgte nur noch ein furchtbarer Hustenanfall Pinards.

          Die im Jahr 2000 verstorbene englische Schriftstellerin Penelope Fitzgerald hat den Antipoden des Generals de Gaulle in ihrem 1980 veröffentlichten, leider noch nicht ins Deutsche übersetzten, auf eigene lebensgeschichtliche Erfahrung gegründeten Roman über die BBC in der Kriegszeit erfunden. Die Pointe: Das englische Volk bekam kein einziges von Pinards defätistischen Worten zu hören, sondern zehn Minuten Sendepause, die es nicht beunruhigten, denn es war Krieg, und genau damit hatte man seit Kriegsbeginn gerechnet.

          Der zuständige Programmplaner hatte das Sendegerät schon vor Beginn der Übertragung abgeschaltet, denn ihn hatte etwas misstrauisch gestimmt, das der General auf dem Flur des Studios zu ihm gesagt hatte: „Soyons réalistes!“ Er hatte das Gefühl, bemerkte Fitzgeralds Held im antiheroischen Nationalstil, dass das im gegebenen Moment für die Nation nicht hilfreich sein würde. Mit Diskretion wird diese seltsame Begleiterscheinung der seltsamen Niederlage der Französischen Republik in London abgewickelt: Der Husten erweist sich als tödlich, der General stirbt einen Tag vor der Ankunft de Gaulles, und die BBC schickt einen Kranz mit der Schleife „À Georges Pinard: mort pour la civilisation“.

          „Human Voices“ ist der Titel von Fitzgeralds Roman, und man muss hoffen, dass Alice Schwarzer, die im Radio auf die Frage, ob sie mit dem von ihr publizierten offenen Brief nicht den Ukrainern das Recht auf Selbstverteidigung abspreche, zur Antwort gab, das sei keineswegs der Fall, denn es hätten schon 140 000 Deutsche den Brief unterschrieben – man muss hoffen, dass die „Emma“-Gründerin und ihre Mitautoren mit Fitzgeralds Menschenfreundlichkeit behandelt werden, wenn diese Episode aus dem gegenwärtigen Krieg Stoff für den großen Zeitroman nach dem Krieg geworden sein wird, den dann jemand anderer wird schreiben müssen als Martin Walser, Edgar Selge oder Juli Zeh.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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