https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eine-insel-im-beton-in-der-taverne-11481989.html
Edo Reents (edo.)

Eine Insel im Beton : In der Taverne

  • -Aktualisiert am

Trotz grausamer Architektur und grausamer Zeit muss ein Besuch beim Griechen kein trister Ausflug sein. Wo ist die Krise? Eine Spurensuche bei Schnitzel und Pils.

          1 Min.

          Es war an einem dieser phantastisch warmen Spätsommerabende. Das Restaurant „Griechische Taverne“ lag in der Heidelberger Altstadt da wie immer: denkbar scheußlich, eingezwängt zwischen Beton, nicht viel anders als in diesen Sketchen, in denen sich Loriot und Gerhard Polt über südländische Hotelanlagen so ätzend lustig machen, die in Wirklichkeit ein einziger Beton-Horror sind, den deutsche Touristen aber gar nicht als solchen wahrnehmen. In Heidelberg hat man schärfere Augen für diese sogar für hiesige Breitengrade ungewöhnliche Hässlichkeit und nennt das Lokal einfach „Beton-Grieche“, ohne damit im Geringsten etwas über die Qualität des Essens gesagt haben zu wollen. Womöglich ist die Selbstverständlichkeit, mit der diese Bezeichnung laut wird, aber die ortsübliche Art, an die ästhetischen Standards dieser Stadt zu erinnern und gleichzeitig eine gewisse Genugtuung darüber zu äußern, dass ausgerechnet Griechen dagegen verstoßen. Gut besucht ist das Lokal trotzdem allzeit.

          Wir betreten es, das Lied des Udo Jürgens auf den Lippen („Da saßen Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar/Und aus der Jukebox erklang Musik, die fremd und südlich war“), und setzen uns. Wird es möglich sein, hier Meinungen über finanzielle Angelegenheiten einzuholen? Schon der Gleichmut, mit dem sich der Kellner mit hängenden Schultern zwischen den Tischen bewegt, lässt nicht darauf schließen, dass man Wert auf Gäste legt, die gekommen sind, um zu sehen, ob „die Griechen ihre Hausaufgaben“ jetzt endlich gemacht haben. Unfreiwillig bringt dies auch die Speisekarte zum Ausdruck, die unter anderem „Spießer aller Art“ verzeichnet.

          Um zumindest einen Rest an nationaler Würde zu wahren, bestellen wir Schnitzel und Pils. In dem Moment, da der Kellner mit dem Essen kommt, fassen wir uns ein Herz und fragen, mehr so zur scherzhaften Auflockerung, ob man hier inzwischen wieder Drachmen akzeptiere. „Drachmen?“, fragt der Grieche, als höre er nicht recht. „Nee.“ Und dann lacht er los, aus den Tiefen seines Bauches, der in einem roten T-Shirt steckt, lacht, holt noch ein Bier und stellt es, immer noch lachend, ab. Die taktlose Frage prallt ab an einer Heiterkeit, die überhaupt nichts Gespieltes hat. So muss homerisches Gelächter geklungen haben. Satt vom ausgezeichneten Schnitzel und beruhigt über so viel Selbstbewusstsein, verlassen wir irgendwann die „Griechische Taverne“, auf den Lippen wieder das Udo-Jürgens-Lied.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Luxustrip nach London, Generalstaatsanwalt am Zug

          RBB-Skandal : Luxustrip nach London, Generalstaatsanwalt am Zug

          Der RBB will zum Schlesinger-Skandal selbst recherchieren. Auf Anfragen von außen gibt der Sender keine Auskunft, etwa zum Kurztrip der Ex-Intendantin nach London. Strafrechtliche Ermittlungen führt nun der Generalstaatsanwalt.

          Topmeldungen

          Patricia Schlesinger bei einem Fototermin im Dezember 2020

          RBB-Skandal : Luxustrip nach London, Generalstaatsanwalt am Zug

          Der RBB will zum Schlesinger-Skandal selbst recherchieren. Auf Anfragen von außen gibt der Sender keine Auskunft, etwa zum Kurztrip der Ex-Intendantin nach London. Strafrechtliche Ermittlungen führt nun der Generalstaatsanwalt.
          Straßenszene aus der Stadt Borodjanka: Der ukrainische Dichter Tara Schwetschenko blickt im Juni 2022 auf von russischer Artillerie zerstörte Wohnhäuser.

          Der Ukrainekrieg und wir : Deutschlands verlorene Wette gegen die Geschichte

          Wie wir über den Angriffskrieg gegen die Ukraine sprechen, entscheidet nicht nur über Inklusion oder Exklusion Russlands. Die Debatte wirft auch ein grelles Licht auf das Defizit an historischer und kulturwissenschaftlicher Informiertheit in Deutschland. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.