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Filmkulisse in Paris : Adieu le présent

Eigentlich ist „Au Bougnat Bigot“ eine Garage: In der Rue Androuet ist ein Filmset stehengeblieben. Bild: Picture-Alliance

Wer mit Google Street View durch Sehnsuchtsstädte flaniert, könnte glauben, die Zeit stünde still. In Paris hat man diesen Eindruck in der Wirklichkeit – in einer Filmkulissenwirklichkeit aus dem Jahr 1942.

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          Wer sich von Sacré-Cœur treppab nach ein paar Schritten am Square Louise-Michel entlang nach rechts wendet, die Stufen hoch in die Rue André Barsacq, später Rue Berthe, der findet aus dem touristischen Trubel schnell in ein Paris zurück, das dem sonst üblichen Zeitdruck des Souvenir- und Selfie-Geschäfts wenige Meter zuvor eine Zeitlosigkeit entgegensetzt, wie nostalgische Reisende sie in den Vierteln mit großen Namen in großen Städten gelegentlich zu finden hoffen. Wie wir sie vermissen derzeit, wie wir sie vielleicht, wenn die Sehnsucht übergroß wird, zumindest mit einem Blick in die „Street View“ genannten Fotoangebote der Kartendienste im Internet wachhalten wollen: Montmartre. Die Zeit steht still. Die Morgensonne fällt auf heruntergelassene Rollläden vor den Geschäften.

          Ein paar hundert Meter weiter geht es links in die kleine Rue Androuet. Die Straßenseite ist mit Motorrollern zugeparkt, eine junge Frau in Jeansjacke schlendert auf dem Bürgersteig nach unten. Die Aufnahme, die jüngste dieser Straße bei Google Street View, stammt aus dem August 2014. Auf den drei Monate älteren Aufnahmen ziert eine Reihe von Graffiti die Straße, aus geometrischen Formen zusammengesetzte bunte Gesichter, das an der Wand oben am Eckhaus zur Rue Berthe von Google in rührender Pflichtschuldigkeit als Gesicht erkannt und folglich unkenntlich gemacht: Auch Zeitreisen sind mit Street View möglich.

          1942, im besetzten Paris, hatte hier in der Nummer 8 ein jüdischer Juwelier seinen Laden. So will es jedenfalls der Film „Adieu Monsieur Haffmann“ von Fred Cavayé nach dem Theaterstück von Jean-Philippe Daguerre. Daniel Auteuil spielt die Titelrolle, Ende Januar 2021 sollte der Film in die Kinos kommen. Als die aktuellen Ausgangsbeschränkungen in Frankreich auf ihre Art die Zeit stillstehen ließen, waren die Rue Androuet und die Rue Berthe gerade für Außenaufnahmen dekoriert.

          Am vergangenen Wochenende hätten sie ihr Gegenwartsgesicht zurückerhalten sollen. Jetzt aber steht hier für Anwohner wie Passanten die Zeit tatsächlich still. Als wären wir im Jahr 1942, scheint sich auch an heute eigentlich glattverputzten Wänden wieder Laden an Laden zu reihen. Nicht überall ist klar, was in diesen Straßen in unsere Gegenwart gehört und was in die Geschichte, die der Film heraufbeschwören soll. Ein Aushang, gestaltet wie in den frühen vierziger Jahren, verkündet eine Ausgangssperre, im Schaufenster einer Filmapotheke findet sich die Information, dass bestimmte Artikel leider nicht mehr vorrätig wären und es zu Lieferengpässen komme. Allein der Umstand, dass Teile der Filmkulisse inzwischen von Souvenirjägern abgerissen worden sind, macht deutlich, in welcher Zeit wir leben.

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