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Hitler und die Oper : Der Mörder träumt zu Orgelklang

  • -Aktualisiert am

Bühnenentwurf von Benno von Arent zu den „Meisternsingern“ Bild: Foto: Museen der Stadt Nürnberg

Auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg zeigt die Ausstellung „Hitler. Macht. Oper“ ein Ineinander von Musiktheater und Propaganda.

          Wer in eine Nürnberger Bratwurst beißt, ist noch lange kein Nazi. Auch ist das am Nürnberger Volkspark Dutzendteich angrenzende Reichsparteitagsgelände keine Adolf-Hitler-Erlebniswelt für Ewiggestrige. Es beherbergt das wohl umfangreichste Dokumentationszentrum zur Zeit des deutschen Nationalsozialismus. Die aufklärende, schonungslose Dauerausstellung führt die in Barbarei mündende Überrumpelungsdramaturgie der von sich selbst berauschten Nationalsozialisten deutlich vor Augen und hilft dadurch einmal mehr den Anfängen zu wehren.

          Nürnberg, so viel Personalisierung sei hier erlaubt, kann schlichtweg nichts dafür, dass Adolf Hitler beim Gedanken an diese seinerzeit sogenannte „deutscheste aller deutschen Städte“ scheinbar à la Charlie Chaplins „Großem Diktator“ immer der Gaul durchging – und nicht nur ihm. Die Folgen kennen wir: Nürnberger Reichsparteitage, Nürnberger Gesetze und nach der Befreiung 1945 dann die Nürnberger Prozesse.

          Der Umgang mit dieser dunkelsten und in keiner Weise relativierungsfähigen Geschichte, die von Deutschland ausging, ist für die Nürnberger Bewerbung um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 die wohl komplexeste Herausforderung. Warum also nicht direkt die Entstehung des und die Konsequenzen aus dem Faschismus stellvertretend auch für andere Nationen zum zentralen Thema der Bewerbung machen?

          „Hitler und die Deutschen“

          Dafür könnte sicher der renommierte Faschismusforscher Hans-Ulrich Thamer, der 2010 die vieldiskutierte Berliner Ausstellung „Hitler und die Deutschen“ kuratierte, gemeinsam mit dessen ehemaligem Buch-Koautor, späteren Kritiker und nicht weniger beschlagenen Kollegen Wolfgang Wippermann als Berater angefragt werden.

          Wahrscheinlich wäre Wippermann mit der jetzt im Dokumentationszentrum gezeigten Ausstellung „Hitler. Macht. Oper – Propaganda und Musiktheater in Nürnberg“ etwas einverstandener, als er es mit „Hitler und die Deutschen“ war. Letzterer warf er eine „Angst vor Hitler“ vor. Der Diktator wäre viel zu wenig allein gezeigt worden, meinte er damals. Wenn ein Unbelehrbarer mit solch einem Exponat aus der Nazi-Propagandamaschine als Devotionalie abgelichtet werden wollte – sollte er es doch machen. Vor Hitler brauchte man keine Angst mehr haben, so Wippermann vor acht Jahren in einem Rundfunkgespräch.

          Nürnberg selbst wurde während der Reichsparteitage zur Bühne und Kulisse für die Aufmärsche der Nationalsozialisten.

          Was aber würden Thamer und Wippermann jetzt zu der aktuellen Nürnberger Ausstellung sagen, in der deutlich wird, dass die bombastisch-überkandidelte Choreografie der Nürnberger Parteitage aus dem Inszenierungskonzept für die immer die Parteitage eröffnende Inszenierung von Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ einfach nur abgeleitet ist, gestaltet vom „Reichsbühnenbildner“ Benno von Arendt? Hier ist Hitler nicht nur ziemlich oft auf dem geboten sachlich kommentierten Propagandamaterial abgelichtet zu bestaunen, nein, er wird auch als gänzlich entrückter Musikliebhaber – beim Schreiben dieses Wortes streikt fast die Tastatur – in Szene gesetzt.

          „...und Eva sagt, ich habe Mundgeruch“

          Denn, wie der Bildkommentar weiß, hat Hitler sich die Intonation der eigens von der Firma Walcker für die Parteitage angefertigten, seinerzeit natürlich größten Orgel der Welt ausgiebig vorführen lassen – wie ein kunstliebender Klosterbruder den Kopf leicht zur Seite geneigt und in die rechte stützende Hand abgelegt. So lauschte der Führer, und der Betrachter, sofern nicht gänzlich angeekelt, kann durchaus das Gefühl entwickeln, selbst auch einmal ganz nah dran zu sein. Genauso nah dran, wie sich einst die unvergesslichen Schauspieler Götz George als Skandalreporter Hermann Willié und Harald Juhnke als Nachrichtenmagazinressortleiter Pit Kummer beim ersten Durchlesen der vermeintlichen Hitler-Tagebücher in der bitter-ironischen Komödie „Schtonk“ wähnten: „...und Eva sagt, ich habe Mundgeruch.“

          Das war aber nur ein Film. Tatsächlich jedoch vermeint man in der Nürnberger Ausstellung mitunter den Mundgeruch Hitlers einatmen zu müssen, so haarscharf schrappt das gutgemeinte Ausstellungskonzept der Verantwortlichen vom Forschungsinstitut für Musiktheater der Universität Bayreuth, dem Staatstheater Nürnberg und dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände an der Verklärung vorbei. Es wäre dennoch vermessen zu behaupten, dass der Gegenstand der Ausstellung, die Geschichte des Nürnberger Theaters sowie die Geburt der Parteitage aus dem Geist der dortigen Inszenierung von Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, von ihren Machern mehr als nur ein bisschen Besitz ergriffen hätte.

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