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Wander-Ausstellung : Gipfelsturm mit Blitzschlag

Liedpostkarte „Das Wandern ist des Müllers Lust“ aus dem Jahr 1902. Bild: Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Wie das Wandern die Landschaft formte und die Natur möblierte: Eine Schau im Germanischen Nationalmuseum erzählt vom Gehen zu Fuß durch geschätzte Landschaft.

          4 Min.

          Wie riecht wandern? Glaubt man der Station, die den Verlauf der Ausstellung etwa nach der Hälfte mit einer Art Zylinder unterbricht, auf dessen Oberfläche eine Wiesenfläche nachgeahmt wird, dann möchte man die Sache am liebsten abbrechen. Einige verschlossene Dosen stehen da, und wenn man den Deckel abnimmt und an ihnen riecht, dann ist das stechend unangenehm, wenn auch in unterschiedlichen Nuancen, je nachdem, ob sie „Anstrengung“, „Wald“ oder „Almtier“ olfaktorisch in Erinnerung rufen sollen, und sogar „Brotzeit“ möchte man sich schenken.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Dass sich das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg dem Gegenstand seiner Sonderausstellung „Wanderland“ blind ergeben zeigte, kann man den Kuratoren nicht vorwerfen – gleich zu Beginn wird die unendliche Mühe und Langeweile einer langen Wanderung heraufbeschworen, mit den endlosen Strichkaskaden auf dem Papier der Installation „Wie lang ist ein Weg Nr. 15“ von Maria Mathieu. Jeder Strich steht für einen Schritt einer tatsächlichen Wanderung, und wer sich den beigegebenen Kopfhörer aufsetzt, hört angestrengte Atemzüge und das Kratzen des Stifts auf dem Papier.

          Es ist auch noch gefährlich

          Zur Ermattung kommt die Gefahr: Ebenfalls zu Beginn der Schau findet sich zwischen so hübschen und in ihrer Schlichtheit bestechenden Exponaten wie den schlanken, dem Fuß wohl durch lange Märsche ganz angepassten Wanderschuhen von Helmut Kohl oder dem absolut schmucklosen, dafür geräumigen Rucksack von Hermann Löns ein gewöhnlicher Hut. Nur dass seine Hülle von oben bis unten zerrissen ist, durch einen Blitzschlag – das Objekt stammt aus der Elektropathologischen Sammlung des Wiener Technischen Museums. Das Wandern hat offenbar nicht nur öde, anstrengende und geruchsintensive Seiten, es ist auch noch gefährlich.

          Breitgetreten: Helmut Kohls Wanderschuh.
          Breitgetreten: Helmut Kohls Wanderschuh. : Bild: Deutsches Schuhmuseum Hauenstein/Michael Utz

          Anders als die Ausstellung „Wanderlust“, die im vergangenen Sommer in der Alten Nationalgalerie in Berlin gezeigt wurde und sich vor allem der im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts gewandelten Naturdarstellung in der Kunst verschrieben hatte, geht es in Nürnberg um das Konzept des Wanderns im Alltag, um Gründe für den Aufbruch zu Fuß ebenso wie um die sich dadurch entwickelnde Industrie, die aus dem Wandern ein Geschäft machte und die Infrastruktur dafür bereitstellte. Es geht aber auch um die Spuren, die die Entdeckung der Fußwanderung in der Kultur hinterlassen hat, um ihre Rezeption auf ganz unterschiedlichen Ebenen und damit eben auch der Kunst.

          Annäherung an die Essenz des Wanderns

          Diese Station aber ist eine der kleinsten und am wenigsten interessanten der Ausstellung, und gerade weil man für die Darstellung von ersehnter und durchwanderter Landschaft eine derart riesige Auswahl gehabt hätte, wirkt das, was man an dieser Stelle sieht, beinahe beliebig, trotz des sehr hübschen Aquarells „Feldstein bei Rathen“ von Caspar David Friedrich, das der Maler zu einem geplanten Gemeinschaftswerk zu Ehren Albrecht Dürers beisteuerte.

          Was wäre der Wanderer ohne die Bahn? Plakat des Werbeamtes für Personen und Güterverkehr, 1950/1951.
          Was wäre der Wanderer ohne die Bahn? Plakat des Werbeamtes für Personen und Güterverkehr, 1950/1951. : Bild: DB Museum, Nürnberg

          Alles andere aber ist aufregender und lohnt den Besuch schon nach wenigen Stationen. Die etwa vierhundert Objekte, von denen nur ein Drittel aus den Beständen des Hauses stammt, was für dieses Museum mit seiner reichen kulturgeschichtlichen Sammlung ein ausgesprochen geringer Anteil ist, vermitteln das Konzept der Ausstellung auf einleuchtende Weise – die Reflexionen zum Thema Wandern werden gegen die Objekte gehalten, in ihnen gespiegelt oder kontrastiert, und schon deshalb möchte man auf den Katalog nicht verzichten.

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