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Eine Nachweihnachtsgeschichte : Der verlorene Sohn

  • -Aktualisiert am

Wo mitunter eben der sitzt, den man sucht, so als wäre er bestellt: Blick ins ausnahmsweise recht leere Café Bräunerhof in der Wiener Innenstadt Bild: Philipp Horak / Anzenberger

Der Mensch ist zu vielem fähig, wenn er jemanden leiden sieht: Von einer Familie, die voller Fehler ist, aber nur an einem von ihnen zerbricht – dem Schweigen.

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          Margarethe erzählt diese Geschichte nicht gern und doch gern. Sie wird manchmal dazu gedrängt. Dann fügt sie sich – nicht gern und doch gern. Mir hat sie die Geschichte auch erzählt. Aber sie bat dringend darum zu verschweigen, wann die Geschichte spielte, zu welcher Jahreszeit, jedenfalls ihr letzter Akt. Sonst würde doch jeder denken, sie sei ausgedacht.

          Als Margarethe ein Kind war, gerade seit einem Monat zwölf Jahre alt war sie, starb ihre Mutter. Margarethe kam von der Schule nach Hause, der Bruder stand mit hochverschränkten Armen beim Küchenfenster, kehrte ihr den Rücken zu, und der Vater sagte, die Mutter sei heute morgen im Krankenhaus gestorben. Und sie hatte nicht einmal gewusst, dass die Mutter im Krankenhaus war. Sie hatte geglaubt, sie besuche ihre Schwester für ein paar Tage und sonst nichts. Nun war sie zusammen mit dem Vater und ihrem Bruder Herwig, und sie waren allein, und es war, als ob mehr fehlte als nur eine Person. Nur sie drei waren jetzt, das fühlte sich leer an. Sie, Margarethe, musste alles machen, das Kochen, die Ordnung, das Putzen, sie schrieb den Einkaufszettel und wusch und bügelte. Denn der Vater war verzweifelt in allem und nur noch traurig, man konnte ihn nirgendwohin schicken, jeder Ort erinnerte ihn an seine Frau. In der Nacht formte er das Kissen zum Kopf seiner Frau und drückte es an sich und küsste es und umarmte es gierig und weinte hinein.

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