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Ein Zapfenstreich : Der Staat beweist Haltung

Ende des Zapfenstreichs: Die Trommeln können wieder eingepackt werden Bild: dapd

Alles andere als eine Wulff-Show: Beim Zapfenstreich kommt es auf die persönlichen Vorlieben des zurückgetretenen Bundespräsidenten nicht an. Auch Christian Wulffs Musikwünsche werden auf Linie gebracht.

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          Das passt: dass das Abschiedsgeschenk der Bundesrepublik Deutschland an Christian Wulff, der sich für höchste Verwendungen durch die mit Freundeshilfe unters Volk gebrachte Mitteilung empfohlen hatte, er trinke am Feierabend ein Glas Saft, eine Zeremonie war, deren Inhalt das Ende des Bierausschanks ist. Es passt wirklich: denn im Zudecken solcher Widersprüche, im Unsichtbarmachen der Privatperson besteht der Sinn des Zeremoniells, das zu Ehren von Amtsträgern veranstaltet wird.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Was im Park vor dem Schloss Bellevue über die Abendlichtbühne ging, war keine Wulff-Show. Für jeden anderen Jung-Altpräsidenten wäre dasselbe Programm abgespult worden. Es handelt sich beim Großen Zapfenstreich um eines der ganz wenigen echten Rituale unseres öffentlichen Lebens. Ein Ritual ist ein Handlungsablauf, der sich in festgelegter Form wiederholt. Nichts Neues unter dem Mond: Aus der Undenkbarkeit von Abweichungen ergibt sich, dass Erklärungen sich erübrigen. Deshalb sind Rituale in der Demokratie etwas so Unwahrscheinliches.

          Die Redner haben nichts zu sagen

          Zum öffentlichen Leben in der Demokratie gehört die Kommentarbedürftigkeit, wie sie der Soziologe Arnold Gehlen an der modernen Kunst beschrieben hat. Und wie moderne Kunstwerke kommentieren demokratische Staatsakte sich selbst. Demokratische Politiker müssen jederzeit erklären, was sie gerade tun. Simpelster Unterschied zwischen dem monarchischen und dem republikanischen Zeremoniell: Monarchische Zeremonien bestehen hauptsächlich aus Handlungen, republikanische aus Reden.

          Nun gab es auch bei der Fernsehübertragung des Zapfenstreichs für Wulff einen Kommentar, der sogar von einem Oberstleutnant in Uniform abgegeben wurde. Aber diese Kommentierung war natürlich nicht Teil des Rituals – was man schon daran erkannte, dass der Oberstleutnant, von Ulrich Deppendorf um Erläuterungen zum Ablauf gebeten, zunächst einmal eine unpassende politische Bekundung abgab, nämlich erklärte, „die Bundeswehr“ freue sich auf diese letzte Ehre für Wulff. Wären die Soldaten des Wachbatallions aber nicht freudig, sondern sämtlich unter Bauchgrimmum imposantum colossale leidend zum Dienst angetreten, wäre der Zapfenstreich genauso abgelaufen und Wulff hätte nichts bemerkt. Für alle Beteiligten am Ritual tritt der Entlastungseffekt ein, dass ihre persönlichen Gefühle nichts zur Sache tun.

          Der Wissenschaftsmanager Wolf Lepenies machte vor ein paar Jahren einen für einen Soziologen erstaunlich undurchdachten Vorschlag zur Reform des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Er wünschte sich einen „sprechenden“ Orden, dessen Mitglieder sich mit Reden in mediale Debatten einschalten sollten. Der Orden steht unter der Protektion des Bundespräsidenten und knüpft wie die Militärmusik an die Welt des monarchischen Protokolls an. Die jährliche Öffentliche Sitzung des Ordens ist insofern ein echtes Ritual, als dort nie ein Beschluss gefasst oder eine Botschaft verkündet wird. Von den Mitgliedern des Ordens weiß man, dass jeder einzelne unendlich viel zu sagen hätte. Aber die Autorität des Ordens als öffentlich sichtbarer Vereinigung beruht darauf, dass er nicht mitredet.

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