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Ein wahres Märchen : Lakritzland

Gegründet, um nie wieder im Krieg zu sein, ging die Union der Buntaugen am Ende in genau diesem Krieg unter Bild: Barbara Klemm

Es war einmal ein Reich, das bestand aus vielen Völkern. Die im Norden waren reich und fleißig, die im Süden arm und stolz. Nie rührte sich Streit. Dann ging das Gold zur Neige.

          Manche sagen, das Unglück habe mit den glänzenden Streifen von Lakritze begonnen. Aber so war es nicht. Jedenfalls war die Lakritze nicht der einzige Grund für den Untergang des Reiches der Buntaugen - und ganz gewiss nicht der wichtigste. Wenn aber die Menschen heute behaupten, die Lakritze und die berühmte buntäugische Schatztruhe hätten rein gar nichts mit der buntäugischen Tragödie zu tun, so ist das nicht die Wahrheit. Doch wen interessiert das heute noch? Die Jüngeren wissen kaum noch etwas vom Reich der Buntaugen. Viele kennen nicht einmal mehr den Namen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Vielleicht ist das Reich der Buntaugen auch deshalb so schnell in Vergessenheit geraten, weil es eigentlich kein Reich war. Es bestand aus vielen kleinen und einigen größeren Herzogtümern, die nach dem Ende eines schrecklichen Krieges eine Union gebildet hatten. In dem Krieg waren viele Menschen umgekommen. Es war der furchtbarste Krieg aller Völker und Zeiten gewesen. Ein Weltkrieg, sagten die Überlebenden. Damit es zumindest in ihrem Teil der Welt nie wieder Krieg geben könne, wurde das Reich der Buntaugen gegründet. So hieß es jedenfalls. Sicher ist, dass in der Union der Buntaugen viele Herzogtümer vereint wurden, deren Soldaten zuvor gegeneinander gekämpft hatten.

          “Wir sind doch alle Buntaugen! Deshalb werden wir nie wieder gegeneinander kämpfen. Und niemals darf die Union Buntaugen zerfallen, denn sie allein bietet uns dauerhaften Frieden.“ So sprach man an hohen Feiertagen in den Herzogtümern der Buntaugen, von Nord nach Süd und Ost nach West. Besonders im größten Herzogtum der Union hört man solche Sätze oft. Es sah so aus, als sei es gelungen, den Krieg abzuschaffen. Zwar gab es noch Soldaten in der Union und jedes Herzogtum hatte eine eigene Armee, aber deren einzige Aufgabe war es, das Reich der Buntaugen gegen äußere Feinde zu schützen, sollten welche kommen. So sagte man.

          Jedes Land ist erfunden, aber trotzdem wahr

          Obwohl es kein Reich war wie jedes andere, hatte die Union der Buntaugen eine Hauptstadt. Sie hieß B.. Es gab B. sogar doppelt: Als Hauptstadt der Union der Buntaugen und als Hauptstadt eines der Herzogtümer, aus denen das Reich bestand. (Wobei das Herzogtum, dessen Hauptstadt B. war, wiederum in zwei Herzogtümer unterteilt war. Eigentlich waren es sogar drei, aber das führt zu weit.) Die Herzogtümer hatten schon existiert, als selbst der Kühnste noch nicht daran dachte, dass es eines Tages einmal eine Union der Buntaugen geben werde. Deshalb sagten viele Menschen, die Union der Buntaugen sei eine Erfindung und die Buntaugen ein ausgedachtes Volk, das es eigentlich nicht gebe.

          Das war richtig und falsch zugleich. Denn schließlich ist jedes Land erfunden, deshalb aber noch lange nicht unwahr. Außerdem war es Ansichtssache, ob es Buntaugen gab oder nicht. In der Union der Buntaugen lebten nämlich viele verschiedene Völker: Grünaugen, Rotaugen, Blauaugen, Grauaugen, Braunaugen und Schwarzaugen, um nur die wichtigsten zu nennen. Sie sprachen grünäugisch, rotäugisch, blauäugisch, grauäugisch, braunäugisch und schwarzäugisch. Alle zusammen nannte man sie Buntaugen, aber niemand wusste genau, was das heißen sollte - Buntauge sein. Denn nicht nur die Sprachen der Buntaugen, auch ihre Sitten und Gebräuche unterschieden sich voneinander. Sie beteten sogar zu verschiedenen Göttern - wobei gesagt werden muss, dass die Angewohnheit des Betens in den Herzogtümern der Buntaugen immer mehr aus der Mode kam. Weil es eine gemeinsame buntäugische Sprache nicht gab, Rotäugisch aber von den meisten Menschen der Union verstanden wurde, unterhielten sich die Menschen aus den verschiedenen Herzogtümern in dieser Sprache, wenn sie etwas zu besprechen hatten.

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