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Bild: Polina Livshits

Ehrenrettung für Offenbach : Ein Vorbild für Deutschland

  • -Aktualisiert am

Jeder hat seine Meinung zu Offenbach, doch die meisten liegen falsch: Diese tolerante, entspannte und fortschrittsverliebte Stadt ist vorbildhaft, weil sie mit ihren Problemen zu leben gelernt hat – das ist uns eine ganze Feuilleton-Ausgabe wert.

          Offenbach ist Avantgarde. Mit einer solchen Behauptung über die vielbesungene, vielgescholtene Stadt am Main läuft man Gefahr, die Leser zu vergraulen. Dass Offenbach eine Vorreiterrolle einnähme – egal in welcher Hinsicht –, scheint doch allzu weit entfernt von dem, was Menschen über diesen Ort zu wissen glauben. Indes: Ist es nicht eigentlich ein bemerkenswertes Phänomen, dass zu Offenbach scheinbar jeder eine Meinung hat? Erstaunlich ist das schon im Hinblick auf die Größe der Stadt, in der, das weit ausgreifende Umland mit seinen Schlafgemeinden einmal ausgeklammert, gut 130.000 Einwohner leben – nachdem es jahrzehntelang so aussah, als könnte das im Jahr 977 zum ersten Mal urkundlich erwähnte Offenbach den Status als Großstadt überhaupt verlieren. Statistisch spielt die Stadt in einer Liga mit Pforzheim, Heilbronn, Fürth oder Ingolstadt. Die grassierenden Meinungen betreffend, ist Offenbach diesen Ortschaften freilich haushoch überlegen, ja geradezu Weltklasse.

          Bevor wir uns eingehender mit dem mythischen Ort am östlichen Ende des Rhein-Main-Gebietes befassen, sei zur Beruhigung gesagt: Es lässt sich kaum leugnen, dass Offenbach selbst etwas zu seiner unguten Wahrnehmung beigetragen hat. Aber zu jedem Gemeinplatz gehört eben auch sein Gegenteil. Und so wie die Klischees ihr Eigenleben führen, ist selbstverständlich Offenbach besser als sein Ruf. Zumindest: anders. Greifen wir daher den vermeintlich unorthodoxen Gedanken vom Anfang noch einmal auf: Offenbach ist wirklich Avantgarde! Und zwar schon von jeher und in vielerlei Hinsicht. Das zeigt sich beispielhaft anhand der baulichen Entwicklung, die ein monumentales und unvergleichliches Patchwork des Urbanismus hervorgebracht hat; oder anhand der „Ausländerproblematik“, die sich beim Blick in die Stadtgeschichte nur als neueres Kapitel multiethnisch-multireligiöser Kohabitation entpuppt; oder anhand der Lokalpolitik, die seit der Deindustrialisierung nicht immer glücklich agierte.

          Keine frisierten Schaukulissen

          Man weiß ja von Menschen – trotz oder wegen der Physiognomik –, dass ihr Äußeres nur begrenzten Einblick in ihre Seele gewährt. Mit Städten ist es nicht anders. So mag die Erkenntnis, Offenbach habe kein Gesicht, keine Schokoladenseite, die auf Postkarten zu bannen sich lohnte, ja sogar die Behauptung, die Stadt sei hässlich, zwar zutreffen. Über ihr Wesen sagt das wenig aus. Man sollte es eher sympathisch finden, dass das Stadtbild sich dem Besucher in unverhohlener Ehrlichkeit präsentiert. Offenbach verbirgt sich nicht hinter frisierten Schaukulissen. Selbst dort, wo die Stadt etwas zu bieten hat, erscheint sie unprätentiös, beinahe selbstvergessen. Fast alle Traditionsinseln, an denen sich historische Zusammenhänge ablesen ließen, sind in Weltkrieg und Wiederaufbau versunken. Übrig blieben eine neubarocke Residenz namens Büsing-Palais – heute Hotel, Klingspor-Museum für Schriftkunst und Stadtbücherei in einem – und ein Kleinod der deutschen Renaissance, das mainsandsteinrot leuchtende Isenburger Schloss mit seiner verzierten Loggia, benannt nach dem hessischen Adelsgeschlecht, das hier residierte.

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