https://www.faz.net/-gqz-9bm9i

Ehrenrettung für Offenbach : Ein Vorbild für Deutschland

  • -Aktualisiert am

Bei aller Wechselhaftigkeit dieser Geschichte muss man feststellen: Die neu hinzugekommenen orthodoxen Kirchen, Moscheen und Tempel fügen sich nahtlos in die Offenbacher Tradition ein. Unleugbar hat man am Main Toleranz bereits gelebt, als anderswo nicht einmal das Wort erfunden war. Es kann sein, dass die Offenbacher dabei derart mit sich selbst beschäftigt waren, dass sie vergaßen, ihren Politikern genauer auf die Finger zu schauen. Der sich seit 1960 abzeichnende Strukturwandel wurde zunächst allzu zaudernd gemanagt. Die Schließung der Lederproduktion und anderer Fabriken, darunter die berühmte Rowenta, riss große Lücken in den Arbeitsmarkt, die auch die Neuausrichtung als Verwaltungszentrum nicht schließen konnte. Mangelnde Neuansiedlung von Unternehmen, Leerstände an Immobilien, öffentliche Schulden machten Offenbach immer mehr zum hässlichen Entlein des Rhein-Main-Gebiets. Da es für das Städtekonglomerat keine einheitliche Strategie gab, sondern alle mit allen konkurrierten – erst 2011 rief die Landesregierung einen „Regionalverband“ ins Leben –, verschärfte sich die Entwicklung weiter: Im Wettbewerb um die niedrigsten Steuern entstand in den neunziger Jahren in den Taunusvororten ein Gewerbegebiet nach dem anderen, während Offenbach gleichzeitig regelrecht ausblutete. Im Ergebnis war die Stadt dann wieder Avantgarde: Als erste deutsche Kommune erklärte Offenbach offiziell seine Zahlungsunfähigkeit.

Reichlich Luft nach oben

Aus der Misere sollte das „Offenbacher Modell“ helfen. Es passte bestens in den neoliberalen Zeitgeist und wurde bald auch vom Konkurswidergänger Berlin ventiliert: Haushaltssanierung durch Verkauf öffentlichen Eigentums, Auflösung der Verwaltung, Public-private-Partnership. So wurde Offenbach zum Schnäppchen für Investoren. Nachdem die Bäder geschlossen, die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes geschasst, letzte historische Straßenzüge niedergerissen waren, stellte sich für den Magistrat heraus: Das Gut war weg, die Pleite blieb der Stadt erhalten. Wer also Offenbach besucht, um an Ort und Stelle seine irgendwo aufgeschnappte Meinung zu überprüfen, sollte berücksichtigen, dass die Stadtentwicklung der vergangenen Dekade eine kreative Form der Mangelwirtschaft war: Umverteilung von Schulden.

Wenn es angesichts dessen auch nicht allzu schwer erscheint, die Dinge besser zu machen: Im Moment ist in Offenbach doch noch reichlich Luft nach oben. Manch aktuelle Initiative, von der Shoppingmall bis zum Loftwohnen, erscheint dabei eher als konzeptueller Mainstream, der sich so oder ähnlich auch anderswo finden lässt – aber auf unnachahmliche Weise offenbachisiert wird. So war der Umbau des einstigen Hafenareals zum flußnahen Stadtquartier für Kreative – Offenbachs „Hafen 2“ genannter Prenzlauer Berg – nicht einmal abgeschlossen, als neulich die Alteingesessenen von gegenüber gucken kamen, wer da so hingezogen ist. Mit Hilfe von Dauerpartys, Müllbergen und illegalen Autorennen machte man sich miteinander bekannt. Der neue kleine Park kann seither als eingemeindet gelten.

Dass Städte heute vermarktet werden, indem Werbeagenturen ihnen „Identitäten“ zuschreiben, ist wohl Teil ihrer veränderten Rolle im Zeitalter der Globalisierung. Das wird langfristig auch an Offenbach nicht spurlos vorübergehen. Bislang aber sind Stadt und Bewohner auf sympathische Weise über jeden Zweifel erhaben: Man arrangiert sich mit der Hässlichkeit, ohne daraus ein hippes Prinzip ableiten zu müssen. Man sieht die finanzielle Misere dialektisch, da sie doch auch vor fremden Eingemeindungswünschen schützt. Man blickt, dank jahrhundertelanger Kultur der Toleranz, selbst auf den forcierten Zuzug aus Frankfurt mit interesselosem Wohlgefallen. Und dann noch: der Fußball, ja, ach, der Fußball, Offenbacher Avantgarde – das bedeutet, ein Städteschicksal, das mancher Millionenmetropole in nichts nachsteht, ungerührt zu ertragen. Und jeder, der hier lebt, darf mit Stolz seinem Gerippten entgegenrufen: „Isch bin en Offebaché.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Das Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York

Vereinigte Staaten : Zwei kubanische UN-Diplomaten ausgewiesen

Kurz vor der UN-Vollversammlung hat Amerika zwei Vertreter Kubas ausgewiesen. Deren Aktionen seien laut Außenministerium gegen die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten gerichtet gewesen. Kuba spricht von Verleumdung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.