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Ehrenrettung für Offenbach : Ein Vorbild für Deutschland

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Offenbach wird seit mehr als zweihundert Jahren von Proletariern geprägt. Seit dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert hatte sich die Residenz zur Industriestadt entwickelt. Die angesiedelte Lederwarenindustrie benötigte Tausende von einfachen Hilfsarbeitern, die beim Schlachten, Gerben, Färben und Verarbeiten der Häute halfen. Kaum eine Familie, in der es nicht früher „Babbscher“ gegeben hätte: jene hochtrabend „Portefeuilleur“ – sprich: Boddefellé – genannten Pauper, die in Heimarbeit oder im Schichtdienst in der Fabrik die Lederzuschnitte verkleben und vernähen mussten, um Geldbörsen, Handtaschen und Koffer zu produzieren.

Während die Arbeiter vom Land kamen, strömten auch die Bürger aus aller Herren Länder nach Offenbach. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wuchs die Stadt rasant und wurde, im Kleinen, zu einem Melting Pot, wie man es sonst nur aus der Neuen Welt kannte: Avantgarde auch im Sozialen. Augenfällig wird das im Stadtbild noch immer an der irritierend hohen Zahl an verschiedenen Gotteshäusern. Neben katholischen Kirchen finden sich die Bauten der Protestanten, Lutheraner wie Calvinisten. Nicht nur der Große Kurfürst von Brandenburg-Preußen reagierte auf die Aufhebung des Ediktes von Nantes 1685, sondern auch die in Offenbach ansässigen Fürsten von Isenburg. Sie warben Glaubensflüchtlinge systematisch an und boten ihnen eine neue Heimstatt. Das französische Element ist seither Teil der Offenbacher Kultur geworden – auf die hübsche Hugenottenkirche ist das Tourismusmarketing bis heute mächtig stolz.

Hier wird Toleranz schon lange gelebt

Dritte christliche Konfession sind die Freireligiösen mit ihrer Weihehalle. Man kennt sie kaum außerhalb der Stadt. Doch in Offenbach spielen sie eine entscheidende Rolle, da sich der Bewegung bei ihrer Gründung in der Vormärzzeit fast die gesamte bürgerliche Elite anschloss: nationalstaatlich gesinnte Katholiken, Protestanten und Juden. Als Ende des neunzehnten Jahrhunderts dann die Altkatholiken von Rom abfielen, weil sie der Unbeflecktheit Marias und der Unfehlbarkeit des Papstes nichts abgewinnen konnten, bekamen auch sie einen eigenständigen Kirchenbau unweit des Bahnhofs, der an Größe und Selbstbewusstsein seinesgleichen sucht. Das lässt sich auch von den Juden und ihrer Synagoge sagen. Sie war, im Ersten Weltkrieg errichtet, eines der imposantesten Bauwerke ihrer Art, Ausdruck der Hoffnung auf liberale Gleichberechtigung, die sich bald zerschlagen sollte. 1938 hat man den – immerhin noch erhaltenen – Bau zum Theater umfunktioniert; heute hält die jüdische Gemeinde in einer neuen Synagoge gegenüber ihre Gottesdienste ab.

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