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Ehrenrettung für Offenbach : Ein Vorbild für Deutschland

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Man könnte an dieser Stelle die These wagen, Offenbach sei eine Art Konzentrat von Berlin, sozusagen „Berlino ristretto“. Denn was an Spree und Havel auf 900 Quadratkilometer Fläche verteilt ist, findet sich am Main in derselben sozialen Komplexität wieder, nur als kompaktes, hochverdichtetes Gefüge. Vom heruntergewohnten Altbau im einstigen Arbeiterquartier bis zum Reihenhausidyll am Stadtrand sind es mit dem Rad nur zehn Minuten. Da man sich auf so engem Raum kaum aus dem Weg gehen kann, wird folglich jede Bewohnergruppe mit der Lebensrealität der „anderen“ Offenbacher konfrontiert. Für Segregation oder Gettobildung ist gar kein Platz. Den Rest regeln der angespannte Wohnungsmarkt und die hohen Miet- und Kaufpreise. Und letztlich sind alle Bewohner durch die Lärmglocke vereint, die von den Flugzeugen auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen erzeugt wird.

Als Offenbacher lernt man, sich zu arrangieren. Gutmütigkeit, Geduld, vielleicht auch ein gerüttelt Maß an Ignoranz mögen dazu genauso gehören, wie die Möglichkeit, sich manchen Kummer mit „Käffsche“, „Biersche“ oder „Stöffsche“ herunterzuspülen. Dass indes hinter dem typisch offenbacherischen „Doschenanner“ mehr steckt als Multikulti-Folklore, offenbarte die Architekturbiennale in Venedig 2016. Dort präsentierte man die Stadt als Musterbeispiel eines Anker- und Umverteilungszentrums im globalen Wirtschafts- und Migrationsgefüge. Schon seit den achtziger Jahren war Offenbach für viele Menschen aus dem zerfallenden Jugoslawien eine Art inoffizielle Transitzone nach Deutschland – so dass man umgekehrt in den Bergen um Sarajevo Autos mit dem berüchtigten „OF“-Kennzeichen antraf, Offenbach gar so etwas wie eine Außenstelle des Balkans war.

Ein sozialer Durchlauferhitzer

Heute, da Menschen aus sämtlichen Regionen der Welt hier ankommen – und im Hinblick auf diese Mischung ist Deutschlands internationalste Stadt wirklich einzigartig –, ist die Situation komplexer geworden, nicht zuletzt, was die Bleibeperspektive betrifft. Die von den Experten der Offenbacher Hochschule für Gestaltung für ihren Biennale-Beitrag gesammelten Sozialdaten der Neuoffenbacher zeigen, dass die Stadt keineswegs mit der Unterschiedlichkeit der Migranten hadert. Zu kämpfen hat sie vielmehr damit, dass die Ankömmlinge just in jenem Moment wieder gehen, da sie in der deutschen Gesellschaft ankommen. Wer sprachlich, kulturell, finanziell und beruflich einigermaßen gefestigt auf dem Weg der Integration voranschreitet, packt die Koffer und zieht in eine andere Stadt. Offenbach ist so etwas wie ein sozialer Durchlauferhitzer geworden, der auf Verschleiß fährt: Auf den hohen Kosten etwa bleibt die Kommune sitzen. Dieses Faktum ist vielleicht der größte Unterschied gegenüber jenen Integrationsleistungen, die Offenbachs Geschichte lange prägten. Noch bis in die achtziger Jahre hinein war es gelungen, Neubürger am Ort zu halten und zu aktiven Steuerzahlern zu machen.

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