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Ehrenrettung für Offenbach : Ein Vorbild für Deutschland

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Feuilleton-Spezial zu Offenbach
Die Avantgarde-Stadt am Main

Feuilleton-Spezial zu Offenbach

Offenbach war jahrzehntelang ein anderer Name für Niedergang. Aber das hat sich geändert: Offenbach ist ein interessantes und für viele mittelgroße Städte modellhaftes Soziotop. Wir haben ihm ein ganzes Feuilleton gewidmet.

Offenbach-Feuilleton

Darüber hinaus ist die Innenstadt von der Moderne geprägt: Beton, so weit das Auge reicht. Und hier kommt die Avantgarde ins Spiel. Denn tatsächlich war die Offenbacher Planungspolitik zunächst ganz am Puls der Zeit. Angesichts der Kriegszerstörungen entschied man sich konsequenter als anderswo für Erneuerung und Flächensanierung. Angesichts der Kompaktheit des Terrains, dessen Gassen und Schneisen in halbstündigem Spaziergang ausgeschritten sind, erscheinen diese Maßnahmen monströser, als man es von vergleichbaren Städten kennt. Zwischen 1950 und 1970 erhielt Offenbach, herrschender Planungsdoktrin gemäß, Büro- und Wohntürme, Autoschneisen, Fußgängerzonen – und ein bizarres Brückenkonglomerat, das als aufgebockte Flanierzone namens „Zweite Ebene“ zwischen nichts und wieder nichts vermittelte.

Dass die Moderne in erster Linie immer ein Versprechen gewesen ist, hat sich herumgesprochen. In Offenbach glaubte an dieses Versprechen schon niemand mehr, als die „neue“ Stadt noch gar nicht zu Ende gebaut war. So unterwarf man das Halbfertige einer jähen Kurskorrektur. Statt effizient choreographierter Verkehrsströme – Fluchtrouten ins zersiedelte Weichbild – wurde Aufenthaltsqualität das große Thema. Die Stadt sollte wieder kleinteilig, gemütlich werden. Seit 1980 kappte man die Brückenarme der „Zweiten Ebene“, so weit es eben ging, die Stummel wirken seither wie Mahnmale wider die fehlgeleitete Fortschrittsseligkeit. Damit nicht genug, korsettierte man den Autoverkehr, riss die Straßenbahn heraus und stellte Bänke und Tische „uff die Gass“ – Stadtmobiliar. Doch abermals gingen der Atem und das Geld aus, auch der Verbesserungsversuch stagnierte. Und so wurde aus Offenbachs City die einzige europäische Innenstadt, die aussieht wie ein brasilianischer Autobahnknoten in anschlussloser Verwirrung.

Eine Art Konzentrat von Berlin

Zum Glück aber ist Offenbach viele Städte. Es ist eben nicht nur die verhunzte Innenstadt, nicht nur das Neukölln, mit dem es wegen der vielen Ausländer oft verglichen wird. Es ist auch Lichtenberg, Reinickendorf, Kreuzberg, Schöneberg, Charlottenburg und sogar Zehlendorf, was hier Nordend, Bieber, Waldheim, Gemaa, Lauterborn und Bürgel heißt. Den Vergleich mit der Hauptstadt legt Offenbach übrigens selbst nahe: Die zentrale Verkehrsschneise mitten durch die City heißt Berliner Straße, und vis-à-vis vom Rathaus – einem spektakulär schönen Bau des Betonbrutalismus von 1971 – stellte man einst die Skulptur des Berliner Bären auf, mit Entfernungsangabe auf dem Sockel: 544 Kilometer. Das mag weit erscheinen, ist aber dem Offenbacher emotional deutlich näher als beispielsweise die Nachbargemeinde Frankfurt.

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