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Viral auf Twitter : „Frankreich sollte das nicht tun“

Eymet in der Dordogne, das Zentrum britischer Siedlungstätigkeit auf dem Kontinent. Bild: Picture-Alliance

An einem amüsanten Twitter-Thread über ein englisches Ehepaar, das sich ungeachtet der Brexit-Realität in Frankreich niederlassen möchte, nahmen Hunderttausende Leser Anteil. Nun ist der anonyme Autor verstummt.

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          Vor drei Tagen begann einer der unterhaltsamsten Twitter-Threads des Jahres recht harmlos mit ein paar hundert Likes, und endete abrupt und frustrierend für alle, die fieberhaft mitlasen. „Just had a conversation with a British couple who have a holiday home near us“, war der harmlose Einstieg. Der Verfasser war laut Selbstauskunft ein Autor und Historiker namens RS Archer mit britischem und französischem Pass, der in der Dordogne lebt. Seine Nachbarn waren ein britisches Ehepaar mit Ferienhäuschen, die sich nach ihrer Pensionierung gerne in Frankreich niederlassen möchten. Sie seien jedoch auch eiserne Brexiteers, die noch nicht so ganz verstanden haben, dass der Ausstieg aus der Europäischen Union auch für sie gilt.

          Die Erzählung des Dramas, das in seinem Verlauf auch Auftritte des Sohnes, des Chefs des Sohnes, eines Anwalts und des Bürgermeisters des französischen Dorfes verzeichnen konnte, entfaltete sich nahezu mustergültig. Man war empört. Man hatte das alles nicht gewusst. Man wolle sich beschweren, und zwar ganz oben. Man wolle mit dem Bürgermeister sprechen. Der vergnügte Leser ertappte sich dabei, mit einer gewissen Schadenfreude dabei zuzusehen, wie diese Brexiteers sich in ihrer französischen Heimat in spe nach allen Regeln der Kunst zum Affen machten, weil sie sich „von Brüssel“ ungerecht behandelt fühlen. Dass das Ganze in Realzeit ablief, machte die Sache noch reizvoller.

          Sehnsuchtsort Dordogne

          Aber konnte das sein? Der Autor selbst gab nichts über sich preis. Sein Twitter-Account wurde erst im April 2020 angelegt, gut, das ist möglich, Menschen tun seltsame Dinge in diesen Corona-Zeiten, warum nicht auch Twitter-Accounts anlegen. Sein Profilbild war ein Stockfoto, sein Name nicht aufzufinden, die angebliche Buchreihe, die er verfasste, kennt Google nicht. Entweder war der Mann wirklich öffentlichkeitsscheu, oder hier war eine gutgemachte Parodie am Werke. Die Klischees jedenfalls stimmten alle, die Hintergrunderzählung beruhte auf realexistierenden Verhältnissen.

          Es war der Thread des Jahres: Wird der Sohn des britischen Paares den Bürgermeister überreden können, für die beiden Brexiteers eine Ausnahme vom Brexit zu machen? Werden wir es je erfahren?
          Es war der Thread des Jahres: Wird der Sohn des britischen Paares den Bürgermeister überreden können, für die beiden Brexiteers eine Ausnahme vom Brexit zu machen? Werden wir es je erfahren? : Bild: Twitter/Screenshot

          Der Häuschenkauf in Frankreich ist schon seit den achtziger Jahren unter Engländern sehr in Mode gekommen. Auslöser war unter anderem der Bestseller „Mein Jahr in der Provence“ des britischen Autoren Peter Mayle. Im Zuge der Veröffentlichung wurde der Run auf das im Buch erwähnte Dörfchen Ménerbes durch seine Landsleute so groß, dass Mayle erst einmal für ein paar Jahre nach Long Island auswanderte, bevor er sich wieder in Südfrankreich – diesmal jedoch an einem unbekannten Ort – niederließ.

          Dank der EU-Freizügigkeit kam es in den folgenden Jahrzehnten zu einem regelrechten Boom an Engländern, die sich in ländlichen Gebieten in Frankreich Häuser kauften. Die Dordogne mit ihren pittoresken Örtchen und den verfallenen Schlössern war besonders beliebt, in vielen der kleinen Dörfer haben sich hunderte Engländer niedergelassen. Einige waren klassische Aussteiger, die auf Winzer oder Käserei umschulten, andere eröffneten Immobilienbüros oder Läden, wieder andere kamen nach ihrer Pensionierung. Sie belebten die kleinen Dörfer und sanierten einen beträchtlichen Teil der Bausubstanz vor Ort – auch wenn nicht jeder der Alteingesessenen es gerne sieht, dass ein großer Teil der Einwohner zugezogen ist, und dann auch noch aus einem anderen Land. Dordogneshire nennt man den Landstrich, und es gibt bereits Krimireihen, die unter den englischen Expats dort spielen. Ob der Mann auf Twitter, RS Archer, eine von ihnen verfasste, ist nicht bekannt.

          Die „guten“ und die „ignoranten“ Engländer

          Das Milieu stimmte also, aber wie war das nun mit dem Brexit und dem Häuschen in Frankreich? Für die bereits in der Dordogne angesiedelten Engländer gelten in der momentanen Übergangszeit die EU-Regeln, auch nach dem Brexit werden sie wenig zu befürchten haben außer einem unschönen Haufen Formulare. Tatsächlich wird es aber nach dem Brexit nicht mehr so einfach sein, sich als britischer Rentner in einem EU-Land niederzulassen. Nach derzeitigem Stand werden UK-Bürger, die erst nach dem 31. Dezember 2020 nach Frankreich ziehen möchten, wie jeder andere Bürger eines beliebigen Drittstaates behandelt. Sie müssen sich zunächst ein Visum namens „visa de long séjour“ besorgen, was einigermaßen aufwendig ist und nur für ein Jahr gilt. Weitere Aufenthaltsgenehmigungen hängen auch von der Höhe des Einkommens und des Vermögens ab, die offengelegt werden müssen. Ob britische Rentenerhöhungen auch in Frankreich vorgenommen werden, ist bislang noch ungeklärt – wie überhaupt erschreckend vieles. Der britische Führerschein soll für dauerhafte Anwohner nur noch für ein Jahr gelten, dann muss er umgeschrieben sein. Die englische Krankenversicherung wird in Frankreich nicht mehr anerkannt. Eine unkomplizierte Reise in andere Schengenländer ist für Visa-Inhaber auch nicht mehr ohne weiteres möglich. Aufenthaltstitel mit längerer Gültigkeit gibt es nur noch mit Sprachtest.

          Wer ist dieser Mann? Gab es ihn je? „RS Archer“ auf Twitter.
          Wer ist dieser Mann? Gab es ihn je? „RS Archer“ auf Twitter. : Bild: Twitter/Screenshot

          An der Beherrschung der Sprache entlang verläuft auch die kulturelle Kluft zwischen den „guten“ und den „ignoranten“ Engländern in der Dordogne, jenen, die sich bemühen, die Kontakt zu den Einheimischen suchen und etwas zurückgeben wollen, und jenen, die nur gekommen sind, um Dorf und Landschaft zu konsumieren und ansonsten wenig Bereitschaft mitbringen, sich mit den Gegebenheiten ihrer neuen Heimat auseinanderzusetzen. Mit diesem verbreiteten Klischee, das sicherlich zwei extreme Pole zeigt, arbeitete auch der Twitter-Thread. Der assimilierte Engländer, der das Ganze erzählt, macht sich über seine ignoranten Landsleute lustig, die laut einfordern, was ihnen angeblich zusteht, ohne selbst allzu viel dafür zu tun.

          Es ist so unfair, wir haben immer den Müll getrennt: Die Ferienhaus-Saga rekurrierte auf Menschen, die wir alle leider kennen, und beschenkte unsere Schadenfreude aufs Schönste.
          Es ist so unfair, wir haben immer den Müll getrennt: Die Ferienhaus-Saga rekurrierte auf Menschen, die wir alle leider kennen, und beschenkte unsere Schadenfreude aufs Schönste. : Bild: Twitter/Screenshot

          Leider kennt man ja genau diese Sorte Mensch, in ungefähr jedem Urlaub trifft man sie am Bufett oder an der Rezeption, weil sie sich gerade wieder über irgendwas beschweren. Diese Personen sind nie wir selbst, es sind immer unsere Landsleute, und sie sind immer schrecklich unverschämt und beschränkt. Wenn es einen Anlass zur Schadenfreude ihnen gegenüber gibt, ergreifen wir ihn gern. Und das ist vielleicht einer der vielen guten Gründe, neben dem ausgezeichneten Storytelling, dem Humor und dem Ablauf in Echtzeit, der dazu führte, dass der Twitter-Thread um das Haus in der Dordogne viral ging. Und glaubt man den Kommentaren, war es den meisten Lesern auf Twitter tatsächlich ziemlich egal, ob das nun real war oder nicht.

          Leider hat „RS Archer“, der in den letzten Tagen viele Tausend Follower hinzugewann, an diesem Donnerstag sehr plötzlich seinen Account gelöscht. Kurz zuvor vermeldete er, sein Passwort sei gehackt worden, und er erhalte per Direktnachricht Drohungen von Brexit-Unterstützern gegen ihn und seine Frau. Diese Wendung spricht eher dafür, dass da am anderen Ende jemand sitzt, der sich das eben nicht nur alles ausgedacht hat und dem die Drohungen nahegehen, aber wir wissen es nicht. Womöglich ist das noch nicht das Ende der Geschichte. Wir – also die Autorin dieses Textes und Hunderttausende Twitter-Nutzer – hoffen es jedenfalls sehr, denn just an diesem Donnerstag wäre ja der alles entscheidende Termin beim französischen Bürgermeister, wenn es ihn denn je gab.

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