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Viral auf Twitter : „Frankreich sollte das nicht tun“

Eymet in der Dordogne, das Zentrum britischer Siedlungstätigkeit auf dem Kontinent. Bild: Picture-Alliance

An einem amüsanten Twitter-Thread über ein englisches Ehepaar, das sich ungeachtet der Brexit-Realität in Frankreich niederlassen möchte, nahmen Hunderttausende Leser Anteil. Nun ist der anonyme Autor verstummt.

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          Vor drei Tagen begann einer der unterhaltsamsten Twitter-Threads des Jahres recht harmlos mit ein paar hundert Likes, und endete abrupt und frustrierend für alle, die fieberhaft mitlasen. „Just had a conversation with a British couple who have a holiday home near us“, war der harmlose Einstieg. Der Verfasser war laut Selbstauskunft ein Autor und Historiker namens RS Archer mit britischem und französischem Pass, der in der Dordogne lebt. Seine Nachbarn waren ein britisches Ehepaar mit Ferienhäuschen, die sich nach ihrer Pensionierung gerne in Frankreich niederlassen möchten. Sie seien jedoch auch eiserne Brexiteers, die noch nicht so ganz verstanden haben, dass der Ausstieg aus der Europäischen Union auch für sie gilt.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Erzählung des Dramas, das in seinem Verlauf auch Auftritte des Sohnes, des Chefs des Sohnes, eines Anwalts und des Bürgermeisters des französischen Dorfes verzeichnen konnte, entfaltete sich nahezu mustergültig. Man war empört. Man hatte das alles nicht gewusst. Man wolle sich beschweren, und zwar ganz oben. Man wolle mit dem Bürgermeister sprechen. Der vergnügte Leser ertappte sich dabei, mit einer gewissen Schadenfreude dabei zuzusehen, wie diese Brexiteers sich in ihrer französischen Heimat in spe nach allen Regeln der Kunst zum Affen machten, weil sie sich „von Brüssel“ ungerecht behandelt fühlen. Dass das Ganze in Realzeit ablief, machte die Sache noch reizvoller.

          Sehnsuchtsort Dordogne

          Aber konnte das sein? Der Autor selbst gab nichts über sich preis. Sein Twitter-Account wurde erst im April 2020 angelegt, gut, das ist möglich, Menschen tun seltsame Dinge in diesen Corona-Zeiten, warum nicht auch Twitter-Accounts anlegen. Sein Profilbild war ein Stockfoto, sein Name nicht aufzufinden, die angebliche Buchreihe, die er verfasste, kennt Google nicht. Entweder war der Mann wirklich öffentlichkeitsscheu, oder hier war eine gutgemachte Parodie am Werke. Die Klischees jedenfalls stimmten alle, die Hintergrunderzählung beruhte auf realexistierenden Verhältnissen.

          Es war der Thread des Jahres: Wird der Sohn des britischen Paares den Bürgermeister überreden können, für die beiden Brexiteers eine Ausnahme vom Brexit zu machen? Werden wir es je erfahren?
          Es war der Thread des Jahres: Wird der Sohn des britischen Paares den Bürgermeister überreden können, für die beiden Brexiteers eine Ausnahme vom Brexit zu machen? Werden wir es je erfahren? : Bild: Twitter/Screenshot

          Der Häuschenkauf in Frankreich ist schon seit den achtziger Jahren unter Engländern sehr in Mode gekommen. Auslöser war unter anderem der Bestseller „Mein Jahr in der Provence“ des britischen Autoren Peter Mayle. Im Zuge der Veröffentlichung wurde der Run auf das im Buch erwähnte Dörfchen Ménerbes durch seine Landsleute so groß, dass Mayle erst einmal für ein paar Jahre nach Long Island auswanderte, bevor er sich wieder in Südfrankreich – diesmal jedoch an einem unbekannten Ort – niederließ.

          Dank der EU-Freizügigkeit kam es in den folgenden Jahrzehnten zu einem regelrechten Boom an Engländern, die sich in ländlichen Gebieten in Frankreich Häuser kauften. Die Dordogne mit ihren pittoresken Örtchen und den verfallenen Schlössern war besonders beliebt, in vielen der kleinen Dörfer haben sich hunderte Engländer niedergelassen. Einige waren klassische Aussteiger, die auf Winzer oder Käserei umschulten, andere eröffneten Immobilienbüros oder Läden, wieder andere kamen nach ihrer Pensionierung. Sie belebten die kleinen Dörfer und sanierten einen beträchtlichen Teil der Bausubstanz vor Ort – auch wenn nicht jeder der Alteingesessenen es gerne sieht, dass ein großer Teil der Einwohner zugezogen ist, und dann auch noch aus einem anderen Land. Dordogneshire nennt man den Landstrich, und es gibt bereits Krimireihen, die unter den englischen Expats dort spielen. Ob der Mann auf Twitter, RS Archer, eine von ihnen verfasste, ist nicht bekannt.

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