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Ein Treffen mit Nana Mouskouri : Faule Griechen, deutsche Zuchtmeister?

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Mit Respekt vor europäischen Grenzen

Sie ist Griechin und zugleich überzeugte Europäerin, durchquerte mehrmals pro Jahr Europa, kennt - in nahezu jeder europäischen Großstadt gastierend und in Kontakt mit deren Bürgern - den mentalen Unterschied zwischen Amsterdam und Madrid, Lissabon und Hamburg, Marseille und Kopenhagen besser als die meisten EU-Abgeordneten. In Verlauf ihrer Karriere, sagt sie plötzlich skeptisch, habe sie Europa mehr und mehr zusammenwachsen sehen. Damit habe sich aber auch schleichend Gleichmacherei breitgemacht, vorrangig die des Gelds und des egomanen Profitdenkens. „Jetzt, da fast alle Grenzen gefallen sind, müssen wir lernen, Grenzen zu respektieren.“

Eine Respektsgrenze ist für die Sängerin die, die griechisches und das Effizienzdenken anderer europäischer Staaten trennt. Das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen sieht sie getrübt, aber nicht grundsätzlich gefährdet: „Wir wissen, dass die Deutschen die wichtigste und unentbehrliche Besuchergruppe unseres Tourismus sind.“ Dass darunter sehr viel mehr zu verstehen ist als Geldquellen auf zwei Beinen, ist ihr selbstverständlich. In all den Jahren, sagt sie, sei beiderseitige Wertschätzung und eine feste Vertrauensbasis entstanden, die momentan vielleicht ein wenig außer Sicht geraten, aber solide sei.

Harsche Kritik an der politischen Klasse

Die Aussage hat Gewicht, kommt sie doch von einer Künstlerin, die auf Kreta geboren ist und als Kind die deutsche Besatzung miterlebt hat, die auf dieser Insel noch unbarmherziger zuschlug als im übrigen Griechenland. Dann fällt noch ein Satz, der sonderbar zwischen Binsenweisheit und mahnender Vernunft schillert: Nana Mouskouri erinnert an den immensen Einfluss und die hohe Verantwortung der Medien. Wem fielen dabei nicht die Stammtischparolen der deutschen und der griechischen Boulevardpresse ein, die bei uns das Zerrbild vom faulen Griechen und dort das vom deutschen Zuchtmeister bedienen, gipfelnd in der perfiden Schlagzeile eines Blatts, das „Arbeit macht frei“, die zynische Torschrift von Auschwitz, zitierte?

Nana Mouskouri aber nennt eine eigene Erfahrung: Als sie vor kurzem Kritik an griechischer Politik äußerte, ernannten sie einige Magazine in Griechenland zur schwarzen Kassandra, die das eigene Land beleidige. Sie erträgt das im Vertrauen darauf, dass die Griechen besser wissen, was von ihr zu halten ist. Verständnislos reagiert sie nur, wenn die Rede auf die schwarzen Schafe unter den Politikern ihrer Heimat kommt. Abgeordnete, die momentan Vorbilder sein müssten, seien unter den Ersten, die Millionen ins Ausland transferiert hätten. Dass sie dabei schamlos ihre Immunität ausnutzen, empört sie besonders.

Griechenlands Stimme

Distanziert, gelinde gesagt, sieht sie den ausgeschiedenen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou. Bei seiner Amtsübernahme 2009 habe er - sie nennt ihn durchweg eisig höflich „Monsieur Papandreou“ - zahlreiche durchgreifende Reformen versprochen. „Und dann drei Jahre lang verpasste Chancen.“

Die neue Vernunft unter dem Nachfolger Lukas Papademos? Nana Mouskouri schaut eher ratlos. Sie jedenfalls wird Griechenland in Deutschland bald wieder so vertreten, wie sie es am besten kann: singend. So kommen wir denn auf ihre neue CD zu sprechen. Sie hat frühere Chanson-Erfolge als Duette noch einmal aufgenommen. Die Großen Frankreichs, alte und junge, sind dabei: Alain Delon, Francis Cabrel, Charles Aznavour, Serge Lama, Lenou, Alain Sechou.

Mit hörbarer Enttäuschung

Sonderbar, die Lieder am Abend nach dem Gesprächstermin zu hören: Bob Dylans „Adieu Angelina“, das melancholische „Pauvre Rutebeuf“, in dem Frankreichs mittelalterlicher Troubadour die Unmenschlichkeit seiner Zeit beklagt, das „Die Liebe dauert einen Moment. Der Schmerz ein Leben lang“ des uralten „Plaisir D’Amour“.

In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als erste Hoffnung auf ein Ende der griechischen und so mancher außereuropäischen Diktatur aufkeimte, hat Nana Mouskouri sie erstmals gesungen. Jetzt, mit siebenundsiebzig (woraus sie keinen Hehl macht) und einer rauh und brüchig gewordenen Stimme (auch dazu steht sie), singt sie die Lieder noch einmal. Und in ihnen klingt eindringlich wie nie die Trauer und Enttäuschung mit, die in Europas Parlamenten kein Gehör findet.

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